A320 Airbus
für Amiga (OCS/ECS)

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Mr Creosote:Besucherwertung:
2/6
Firma: Thalion
Jahr: 1992
Genre: Simulation
Thema: Fliegen / Werbespiel / Logistik
Sprache: Deutsch, English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 13990
Rezension von Mr Creosote (06.02.2016)
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Ein berühmt-berüchtigtes Spiel… die vorherrschende Meinung war und ist, es sei extrem realistisch, da drei Jahre Programmierarbeit eines echten Piloten hineingeflossen sein, es in Kooperation mit Airbus und Lufthansa entwickelt wurde… und, so wird einfach jede Rezension exponiert erwähnen, obendrein gibt es eine dicke Anleitung von 150 Seiten, die detailliert so ziemlich alles beschreibt – angefangen mit grundlegenden Erläuterungen zur Flugphysik – sowie ein sogar noch dickeres Begleitbuch mit den Anflugdaten sämtlicher westeuropäischer Flughäfen! Wow, oder?

Tja, das hängt davon ab, worauf man bei einem „realistischen“ Flugsimulator eigentlich Wert legt. Der „Realismus“ scheint sich in diesem Fall hauptsächlich darauf zu beziehen, dass die ICAO-Codes und VOR-Frequenzen der enthaltenen Flughäfen akribisch dokumentiert wurden.

Darüber hinaus könnte man argumentieren, die Steuerung des simulierten Flugzeugs mit dem Joystick sei der Bedienung des Sidesticks des echten A320 ähnlich (der analog funktioniert, während Standard-Amiga-Joysticks digital werkeln…), doch das ist weniger der Verdienst des Spiels, sondern vielmehr der (damals) revolutionären Fly-by-Wire-Technologie des Flugzeugs selbst. Die echten Flugzeuge sind damit ein großes Stück näher an Computerspiele gerückt statt andersherum.

Andererseits unternimmt das Spiel nicht einmal einen Versuch, verschiedene Betriebszustände (Normal Law, Alternate Law…) zu simulieren. Wieso auch, wenn ja auch keine besonderen Ereignisse wie Fehlfunktionen der Flugsteuerungscomputer existieren. Die Ausmaße schlechten Wetters beschränken sich auf Nebel (der einfach den gesamten Bildschirm grau übermalt); keine Turbulenzen, kein Schnee oder Regen. Was dem Flugmodell sehr zu Gute kommt, da somit alles sehr geordnet-simpel bleiben kann. Soviel zum allseits laut verkündeten Realismus.

Was bleibt bei der langen Liste dessen, was das Spiel nicht kann, eigentlich noch? Man kann von Flughafen zu Flughafen fliegen. Wie ein echter Pilot hat man dafür zuerst die Gewichtsberechnungen auf Basis der Passagierzahl und der Fracht zu erledigen (was darauf hinausläuft, schnell eine Zahl in einer mitgelieferten Tabelle nachzuschauen), und daraufhin entsprechend zu tanken. Dann schlägt man die Koordinaten und Kommunikationsfrequenzen des Zielflughafens nach. Triebwerke an, Klappen in Startposition, beschleunigen, abheben, Fahrgestell einfahren, Autopilot an (man kann natürlich auch die ganze Zeit manuell das Steuer halten) und… warten. Bei Ankunft versucht man dann entweder eine automatische Landung per Signalfeuer oder legt selbst Hand an.

So weit, so gut, aber die Probleme liegen dazwischen. Wie lange dauert ein Flug von Frankfurt nach London? Sagen wir mal 1,5 Stunden. In dieser Zeit bietet das Spiel nichts als das sich kaum verändernde Panorama durch die Windschutzscheibe (selbst die Zeitkompression komprimiert leider nur sehr eingeschränkt). Interaktion Fehlanzeige. Der Kurs ist eh angelegt und selbst wenn man ganz rebellisch einen Umweg nehmen wollte, warum? Die Spielwelt mag recht groß sein, aber sie ist auch leer; abgesehen von den Flughäfen ist nichts modelliert. Am relativ spannendsten sind da noch die Flüsse, da Städte einfach nur zweidimensionale graue Vielecke auf dem zweidimensionalen grünen Boden sind (also vergesst schonmal den Plan, zwischen Wolkenkratzern durchzufliegen); tatsächlich verzichtet das Spiel komplett auf Höhen – keine Hügel, keine Hänge, keine Berge; alles – Land wie Meer – ist einfach platt. Ach ja, und der Nachtflugmodus macht natürlich auch nichts, als die Farbpalette der enttäuschend detailarmen und langsamen Grafik zu tauschen.

Sinn des Ganzen ist, große Karriere als Lufthansa-Pilot zu machen, indem man Flugstunden sammelt. Doch selbst in diesem Modus unterscheidet sich das Fliegen nicht. Man bekommt nur Flughäfen und Ladung vorgegeben; Zeitvorgaben, überlastete Landebahnen, überhaupt anderer Luftverkehr und Zuteilung von Flughöhen usw. existieren nicht. Es ist und bleibt also Selbstzweck: starten, landen, starten und landen, starten und landen; immer und immer wieder.

Sieht man darüber hinweig, dass A320 Airbus nun wirklich alles andere als realistisch ist und man auch hinnimmt, dass bei Airbus und Lufthansa ganz sicher nur die Rechts- und Marketingabteilungen bezüglich der Nutzung ihrer Namen und Logos zu Werbezwecken involviert waren, und angesichts der geringen Auswahl in diesem Nischengenre könnte man dem Spiel schon eine Chance geben. Das Flugmodell ist nicht allzu schrecklich und die Anleitung macht einem die Flugvorbereitung mit seinen authentischen Karten und Daten relativ einfach (sorry, das werde ich nicht alles scannen…). Trotzdem bleibt es enttäuschend, dass zehn Jahre nach Solo Flight kaum ein Fortschritt im zivilen Luftfahrtgenre zu entdecken ist. A320 Airbus simuliert so ziemlich die gleichen Dinge wie bereits das viel ältere Spiel und diese nicht einmal viel besser.

Als Nicht-Pilot wirken die angedeutete bürokratische Vorbereitung, der Start und dann das stundenlange Starren aus dem Fenster bis man endlich landen darf durchaus als realistische Repräsentation des wirklichen Pilotenberufs. Allerdings sind Piloten mehr als alles andere für die Situationen da, in denen etwas nicht funktioniert wie geplant. Nicht, dass ein echter Pilot sich danach sehnt. Doch in einem Simulator hätte genau dies das Salz in der Suppe sein können. Irgendwie ging all das jedoch im Design des Spiels verloren; stattdessen bekommt man das Skelett der minimal notwendigen Aktivitäten, für die professionelle Piloten immerhin bezahlt werden.

Das Marketing war jedoch erfolgreich und so wurde das Spiel ein Hit. Zwei Erweiterungsdisketten (eine mit weiteren europäischen, eine mit nordamerikanischen Flughäfen) folgten, und dann gab es da noch den quasi unbekannten „Nachfolger“, bei dem es sich tatsächlich vielmehr um das Paket aus dem Original mit Erweiterungen und minimalen Anpassungen handelte. Damit ging die Reihe zu Ende.

Kommentare (1) [Kommentar schreiben]

Herr M. (06.02.2016):
Geschrieben von Mr Creosote um 07:51 am 06.02.2016:
How long does a flight from Frankfurt to London take? Let's say 1.5 hours. So basically, the game will make you stare at a hardly changing panorama for that amount of time.

That is one of my main gripes with civilian airplane-simulators in general: They are bit too realistic in this degree. Even if the panorama changes it is rather boring to sit around for hours and do nothing (with the one or the other slight course correction). But making this the main gameplay element seems rather brave. :D At least other flight simulators had the decency of offering you scenarios which had some kind of instant action.

PS: Reminds me a bit of the recent simulator vibe, especially the truck simulators, which are so utterly boring that you just have to go off-road or start collecting tickets.

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