Psychic Detective
für 3DO

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Mr Creosote:
Firma: Electronic Arts
Jahr: 1996
Genre: Adventure
Thema: Brettspiel / Spionage / Sonstige Fantasy / Krimi
Sprache: English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 353
Rezension von Mr Creosote (13.06.2020)
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Eric schlägt sich als Wahrsager durch. In seiner Nachtclubshow legt er die (harmlosen) Geheimnisse seiner amüsierten Zuschauerschaft offen. Doch dann kommt Laina. Sie erkennt, dass Eric nicht nur ein Trickser, sondern ein echter Hellseher ist. Sie braucht ihn, das Mysterium um den Tod ihres Vaters zu klären. Offiziell wurde Selbstmord festgestellt, aber daran glaubt sie nicht. Familie und Freunde sind in Haus des Verstorbenen versammelt. Eric soll sich unter die Gäste mischen und mittels seiner Gabe und die Wahrheit herausfinden.

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Wie es sich wohl in den Köpfen dieser Damen anfühlt?

Um genau zu sein Gaben, denn es sind zwei: die Historie eines Objekts durch Berührung nachzuerleben sowie sich in den Kopf anderer Leute zu versetzen und so die Welt zeitweise durch deren Augen zu sehen. Wobei im letzteren Fall Erics Körper trotzdem autonom weiterfunktioniert.

Spielerisch stellt sich das alles in Form von Videosequenzen dar, die nicht auf Klicks warten, sondern in Echtzeit einfach immer weiterlaufen. Erspäht man interessante Objekte oder Charaktere, kann man mit ihnen auf die genannten Arten interagieren. Berührt man ein Objekt, wird eine Zwischensequenz der Vergangenheit eingeschoben, und per Knopfdruck auf die Personen wechselt man in deren Perspektive, bleibt aber in der Szene. Sofort fällt positiv auf, dass die Szenen nicht statisch gestaltet sind. Personen bewegen sich frei herum nach jeweils eigenem Gutdünken. Sie tun hier und da Dinge, schließen sich anderen Personengruppen an, gehen die Treppe hoch, um allein zu sein usw. Im Kopf anderer kann man dadurch Szenen und Schauplätze erreichen, die ansonsten nicht zugänglich wären.

Diese Evolution der klassischen Spielidee, zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein zu müssen, war nur auf einem Computersystem möglich. Anstatt diskrete, in sich abgeschlossene Ereignisse zu festgelegten Zeitpunkten zu bieten, muss der Spieler jederzeit aufpassen, da sich Gelegenheiten jederzeit ergeben, aber auch wieder vorbeiziehen können. Psychic Detective nutzt also sein Medium nicht nur als Speicherort der Videos, sondern auch spielerisch.

In der Umsetzung mag es noch hier und da ein wenig hakeln. Sicher, die Gelegenheiten, mit etwas zu interagieren, sind manchmal etwas zu kurz – insbesondere mit einem Gamepad, mit dem man erstmal durch eine Liste interaktionsfähiger Objekte scrollen muss, anstatt einfach mit der Maus zu klicken. Es bleibt einem also nichts übrig, als irgendwann die zeitkritischen Szenen auswendig zu lernen.

Psychic Detective gestaltet einem diesen genreinhärenten Defekt, durch Fehlschläge lernen zu müssen und es immer wieder und wieder zu versuchen, immerhin ziemlich gut. Die zahlreichen verschiedenen Enden, von denen die meisten keinesfalls eindeutig „gut“ oder „schlecht“ sind, halten die Motivation aufrecht. Der Plot an sich trägt ebenfalls seinen Teil bei. Was als klassischer Mordfall beginnt, entwickelt sich schnell zu einem atemlosen, surrealen Trip. Gute Inszenierung und Schauspielerei tun das Übrige.

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Was geht hier vor sich?

Und dann ist da noch der Schlussakt, den man… tja… gelinde gesagt als kontrovers bezeichnen könnte, denn urplötzlich wirft das Spiel einen in eine völlig andere Spielmechanik. Man muss sich in einem Brettspiel gegen den Hauptantagonisten behaupten. Dieses Brettspiel soll im Rahmen des Plots im übertragenen Sinne einen paranormalen Geisteswettstreit repräsentieren, passt also ins Thema, aber trotzdem verlangt es eben völlig andere Fertigkeiten vom Spieler. Im Guten wie Schlechten hängen die Siegchancen von den vorher im Spiel getroffenen Entscheidungen ab, sonderlich transparent ist dies jedoch nicht. Ich persönlich hätte darauf verzichten können, aber immerhin ist es mit ein wenig Übung schaffbar. Also eher eine schlechte Designentscheidung, soetwas noch einzubauen, aber immerhin hält sich nach der ersten Überraschung die Problematik in Grenzen. Ähnlich fraglich wird es, wenn Eric in der Mitte des Spiels urplötzlich nicht nur anderer Leute Gedanken lesen, sondern auch beeinflussen kann. All dies zeigt vor Allem, wie sehr die Designer selbst noch um die richtige spielerische Zusammenstellung rangen.

Der subjektive Gesamteindruck mag persönlich sehr unterschiedlich sein, doch man kann durchaus argumentieren, Psychic Detective habe einen Weg aufgezeigt, wozu „Interaktive Filme“ hätten weden können, wenn dieses Genre nicht von uninspirierten Aufgüssen spielerisch alter Hüte (nur mit Z-Darstellern „versüßt“) überschwemmt worden wäre oder sogar gleich jegliche Interaktivität vermissen lassen hätte. Die Kernspielmechanik ergibt sich direkt aus der Erzählung, was erstmal uneingeschränkt zu begrüßen ist.

Ob das Spiel damit Erfolg hatte, bleibt zu diskutieren. Stellenweise zeigt es sich nur zu deutlich, wie riesig der Produktionsaufwand gewesen sein muss, die gleichen Szenen aus so vielen Perspektiven aufzunehmen – beispielsweise, wenn ohne Erklärung manche Personen nicht wählbar sind. Die kurze Gesamtlänge (von vorne bis hinten braucht man ungefähr 30 Minuten) erweist sich als Fluch wie Segen. Einerseits wird dadurch Experimentieren innerhalb des gegebenen Entscheidungsraums mit seinen ausreichenden erzählerischen Verzweigungen ermöglicht, da „schlechte“ Entscheidungen niemals allzu langfristige Auswirkungen haben, aber andererseits… na ja, es ist halt auch schnell vorbei.

Doch allen denkbaren (guten) Argumenten zum Trotz hat mich Psychic Detective gepackt. Das Spiel zeigt Ambition und auch wenn es das Rad nicht direkt neu erfindet, bedient es sich doch einer Kernmechanik, die zum Thema passt und hebt sie gleichzeitig auf eine vorher ungekannte Ebene, indem es die virtuellen Spielrunden zugunsten eines kontinuierlichen Zeitstrahls aufgibt. All das mag durch ein trashiges Plotgimmick erklärt werden, aber im Rahmen eben jenes Plots ergibt das schon Sinn, so dass das Gesamtpaket bestens unterhält.

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