Marco Polo
für CD-i

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Mr Creosote:
Firma: Infogrames / Philips Interactive Media
Jahr: 1994
Genre: Strategie
Thema: Geschäftswelt / Lernspiel / Multiplayer / Logistik
Sprache: English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 321
Rezension von Mr Creosote (20.06.2020)
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So sehr die verklärte Perspektive auf das abenteuerliche Leben Marco Polos romantische Vorstellungen in so Manchem wachrufen mag, so muss man sich doch immer wieder klarmachen, wie weit seine Art zu Reisen doch von den heutigen Gepflogenheiten und Erwartungen entfernt ist. Womit nicht nur die damals noch reale Gefahr für Leib und Leben gemeint ist, sondern vielmehr die… Langsamkeit! Wer hätte denn heute bitte noch die Geduld für solch eine Reise? Die fiktionalisierten modernen Erzählungen konzentrieren sich logischerweise auf die wenigen spannenden Höhepunkte, aber all die anderen Tage waren ja woohl ziemlich… öde?

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Abfahrt aus Venedig

Marco Polo, das Spiel, bedient sich nur sehr oberflächlich der Thematik anstatt des wirklichen Lebens der historischen Person. Stattdessen wetteifern bis zu vier Spieler in den Rollen nicht historischer italienischer Händler in einer Spielwelt, die sich vom Nahen Osten bis China erstreckt. Man beginnt mit jeweils nur einer kleinen Karawane mit wenigen Kamelen und ein bisschen Startkapital. Ziel ist natürlich Reichtum. Wobei es eigentlich gar kein explizites Spielziel gibt. Aber gut, wovon soll man als Händler schon sonst träumen? Kleiner Tipp: Die Spielmechanik dreht sichum das Kaufen und Verkaufen von Waren in verschiedenen Städten.

Das Zugrundeliegende Wirtschaftssystem ist recht leichtgewichtig ausgefallen. Verbrämt wird dies durch die große Anzahl verfügbarer Waren, von denen jedoch jeweils nur eine kleine Auswahl auf den Märkten überhaupt vorhanden ist. Günstige Einkaufspreise und gute Möglichkeiten zum Abstoßen der gleichen Waren ergeben sich recht schnell. Im Zweifel bleibt die Reise in die regionale Hauptstadt als zentraler Verkaufsort. Abenteuerlustige Spieler können stattdessen längere Distanzen und damit größere Profitmargen anstreben, aber müssen dabei höhere Risiken, dass die Waren verderben, sie von Banditen ausgeraubt werden oder sonstige Verschleißerscheinungen in Kauf nehmen.

Apropos, auf jeder Reise von einer Stadt zur nächsten können derartige Zufallsereignisse passieren, die von briefmarkengroßen Videoclips illustriert werden. Die Auswirkungen können positiver – beispielsweise die Entdeckung wertvoller Güter – oder negativer – beispielsweise vor den Stadttoren abgewiesen zu werden oder sich mitten in einem Schlachtfeld wiederzufinden – Natur sein. Oder aber es kann zu einem der erwähnten Überfälle kommen. Dann bleibt nur noch die Verteidigung mittels der hoffentlich angeheurten (und bezahlten!) Eskorte. Kampfergebnisse werden automatisch errechnet.

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Ankunft in China

Die fortschreitende Spielzeit erweist den Einfluss dieser Zufallsereignisse als bedeutender denn vorsichtige Planung und Entscheidungsfindung. Was erstmal sehr negativ wirken mag, doch in der richtigen Spielatmosphäre mit ein paar Freunden auf dem Sofa vor dem Fernseher, bei guter Stimmung während man nur locker ein bisschen nebenbei spielt, kann es sich sogar zur Stärke entwickeln.

Marco Polo ist keine gnadenlose, fordernde Handelssimulation, sondern will stattdessen leichte Unterhaltung sein, die ihren Spielern ein Abenteuer bietet, in dem immer wieder unerwartete Dinge passieren und dessen „Herausforderung“ darin liegt, gut zu reagieren und seine Pläne immer wieder anzupassen. Der Eindruck wirdnoch verstärkt durch die Zufallsbegegnungen in den Städten, die neue Waren oder Informationen bieten, aber auch in kleinen Quests münden können, in denen man kleine Entscheidungen treffen darf (im Stile von Castles II).

Die schön gezeichnete Landkarte und die statischen Statusbildschirme unterstützen den sympatischen Gesamteindruck. An die heutzutage ausdefinierte Zielgruppe der „Core Gamer“ richtet sich Marco Polo ganz sicher nicht, aber es ist gut produzierter, unbeschwerter und unvorhersehbarer Spaß. Zu viel Denken und Planen verderben einem hier eher den Spaß. Aber wie intensiv betreibt man selbiges denn beispielsweise bei Monopoly?

P.S. Also kleine Beigabe findet man auf der zweiten CD eine Marco-Polo-Dokumentation.

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