Bug Hunt
für Atari 400/800 (XEGS)

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LostInSpace:
Firma: Atari
Jahr: 1987
Genre: Action
Thema: Einzigartig
Sprache: English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 346
Rezension von LostInSpace (24.06.2020)
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Schaut man heute einem Gamer oder Hobbyzocker über die Schulter wird man mit Sicherheit ein Gamepad in seinen Händen finden. Dieses Steuergerät ist obligatorisches Zubehör und sogar gewissermaßen das Aushängeschild jeder Konsole. Zusätzlich gebündelt mit einem aufsehenerregenden Spieletitel steht die Konsole als unwiderstehliches Gesamtpaket im Kaufhausregal. Doch die 80er Jahre trieben hier und da seltsame Blüten hervor. Damals war der Joystick noch sehr populär und aus dem Homecomputerbereich nicht wegzudenken. Ein solcher Steuerknüppel lag dann auch Ataris XE-Konsole bei. Doch für das Gesamtpaket legte Atari der Konsole (!) sogar noch eine Tastatur für „fortgeschrittene Spiele“ und – um aufs Thema zu kommen – eine Lichtpistole bei. Das Spielzeug in futuristischem Design war in dem beiliegenden Spiel Bug Hunt das Mittel zur virtuellen Schädlingsbekämpfung. Die neuartige Schusswaffe zusammen mit dem Launchtitel Bug Hunt war damit das Zugpferd, auf das Atari den Erfolg seiner ersten Konsolenauskopplung gesetzt hat. Dies erscheint heutzutage sehr mutig, da die Steuerung per Controller derart selbstverständlich ist. Doch zu seiner Zeit sah die Atari Marketingabteilung offenbar einen Vorteil in der vielfältigen Bedienbarkeit ihrer Konsole. Das XE Game System sollte mit Hilfe dieser Schusswaffe echtes Arcade-Feeling bieten, das man sonst nur gegen viele Münzen am Automaten bekam. Später hat auch Nintendo für das konkurrierende NES eine Lichtpistole namens Zapper hervorgebracht und zusammen mit dem Spiel Duck Hunt vermarktet. Letztendlich hat eindeutig das NES das Rennen um die Marktanteile gemacht und die Lichtpistole ist nicht zuletzt wegen den fehlenden Kathodenstrahlmonitoren weitgehend verschwunden. Hat Atari also auf das falsche Pferd auf Seiten der Bedienbarkeit gesetzt, oder ist vielleicht sogar das im Gesamtpaket angebotene Spiel der Pferdefuß gewesen? Eine Antwort ist natürlich rein spekulativ, aber ich habe mal das Pferd aufgezäumt, die Cowboystiefel angezogen und das Schießeisen umgeschnallt.

Nicht oft hat man die Gelegenheit das Game System nicht nur als Emulation zu erleben. Die Waffe ist ziemlich groß, so dass auch Erwachsenenhände damit zu Recht kommen. Die Zielgenauigkeit ist durchaus verblüffend. Eigentlich erwartet man ganz naiv eine Art Laserstrahl auf den Monitor zu richten und abzudrücken. Stattdessen ist das Zielen tatsächlich nur manuell durch Abschätzung der Richtung auszuführen. Mit etwas Gefühl trifft man relativ leicht dann auch dahin, wo man vermeintlich hingezielt hat. Das Zielen über Kimme und Korn habe ich aber gar nicht erst probiert, sondern gleich wie ein Könner direkt aus der Hüfte geschossen. Nach einigen Versuchen habe ich dann auch den ultimativen Cheatmodus herausgefunden: die Knarre einfach direkt nur knapp vor den Bildschirm platzieren und abdrücken: Trifft garantiert!

Die anfängliche Begeisterung über das neue Schusseisen verfliegt tatsächlich bei mir auch gar nicht mal so schnell. Die Geschichte lehrt ja das Totalversagen dieser Konsole. Aber ich bin trotzdem vollauf begeistert und ballere fröhlich weiter. Das ist schon ein bisschen wie Zauberei mit der Pistole auf den Fernseher zu schießen und die digitalen Einschusslöcher zu sehen und zu hören. Und dazu macht es mir von Natur aus Spaß, Ungeziefer zu jagen. Denn auch im richtigen Leben hasse ich nichts mehr, als das nervtötende Summen einer schlafraubenden und blutsaugenden Mücke beim Einschlafen oder das Brummen einer lästigen Schmeißfliege während dem konzentrierten Arbeiten. Zum Glück bleiben dem Spieler solche Geräusche erspart. Die Soundkulisse ist tatsächlich sehr spärlich, da auch keine Hintergrundmusik ertönt. Bleiben also nur die monotonen Soundeffekte beim Schießen und ein merkwürdiges Zirpen des allgegenwärtigen Ungeziefers.

Genau das ist offenbar der Grundtenor dieses Spiels: Bloß kein Luxus, sondern nur grundlegende für das eigentliche Spiel notwendige Strukturen. Man kann hier nur mutmaßen, ob dies auch für die monochrome Darstellung zutrifft. Oder ob hier tatsächlich mit Bedacht eine Metapher zu den noch älteren Homecomputergeräten hergestellt werden sollte, die über keinen Farbmodus verfügten. Ich tippe sogar letzteres, denn das Spielfeld mit seinem gitterartigem Leiterplattendesign ist wie prädestiniert für eine technisch-abstrakte Farbgebung. Die Insekten erscheinen also ebenfalls in grün-schwarz, heben sich aber aufgrund ihrer Bewegung eindeutig und gut erkennbar vom Hintergrund ab.

Das eigentliche Spielgeschehen vollzieht sich in den einzelnen acht quadratischen Bereichen, in die der Bildschirm aufgeteilt ist. In jedem der Bereiche erscheinen nach Zufallsprinzip die Zielobjekte und bewegen sich dann innerhalb dieser Zelle solange bis sie von selber wieder verschwinden, oder vom Spieler mittels der Lichtpistole eliminiert werden. Ziel dabei ist einen besonders hohen Score zu erreichen.

Dabei spielt auch ein gewisser Grad an Strategie eine Rolle. Denn: Die kleinen schnell beweglichen Objekte bringen zwar mehr Punkte, sind aber schwer zu treffen. Um nach Ablauf der Zeit ins nächste Level – oder hier Welle genannt – zu gelangen, wird aber eine stetig ansteigende Treffgenauigkeit vorausgesetzt. Der gewiefte Spieler wartet also die großen, gut zu treffenden Ziele ab und kann schon mit einem Treffer 100% Schussgenauigkeit zum Weiterspielen in der nächsten Welle abliefern. Aber für diesen einen Schuss bekommt man dann nur relativ wenig Punkte, so dass man sehr viele Wellen spielen müsste. Mit der entgegengesetzten Strategie versucht man möglichst viele Punkte in einer Welle zu generieren, bevor man wegen der steigenden Schussgenauigkeit keine Welle mehr spielen darf. Sollte man mal danebenschießen, kann man durch die gegenüber der ersten Strategie stark erhöhten Anzahl von Schüssen insgesamt gesehen jedoch die Fehlerquote niedrig halten. Denn bei neun Treffern ist ein Fehlschuss immerhin noch eine 90-prozentige Trefferquote. Damit beide Strategien spielbar sind, existiert eine Untergrenze von gut treffbaren Zielen in jeder Welle. Im Endeffekt ist aber so oder so die Treffsicherheit der entscheidende Erfolgsfaktor.

Leider bietet Bug Hunt keine Highscore-Tabelle, sondern nur eine spielabhängige Punktestandanzeige. Damit man seinen Erfolg als Spieler nach vollbrachter Jagd trotzdem ungefähr einschätzen kann, werden nach dem Game Over Klassifizierungen wie beim altbekannten Hau-den-Lukas auf dem Rummelplatz angeboten: vom Spargeltarzan bis zum Supermann. Damit das ganze ins IT-Korsett passt, wurden im unteren Bereich noch ohne IT-Bezug der Manager oder der Direktor bemüht und im oberen Bereich ist der Spieler dann schon ein echter Ingenieur oder sogar ein Hacker.

Im 2-Spieler-Modus ergibt dann die genaue Auswertung der Punktezahl überhaupt erst einen Sinn. Die Kontrahenten treten nacheinander an und sehen am Ende ihren Score. Daraus den Sieger des Duells zu ermitteln, obliegt den Spielern selber und wird nicht vom Programm angezeigt. Auch in diesem Punkt ist die Ausstattung wieder sehr bescheiden.

Das Konzept von Bug Hunt mit der Pistole wie ein echter Programmierer zu debuggen ist eine wirklich geniale Idee und wurde auch technisch einwandfrei spielbar umgesetzt. Als einzelner Jäger macht das Ballern mit Pistole am Fernseher und auch mit der Maus im Emulator zwar kurzweilig einen Heidenspaß, aber man vermisst nach einiger Zeit dann doch die Abwechslung und mittlerweile ist Moorhuhn-Schießen auch schon retro. Der Gelegenheitsschütze kommt auf seine Kosten, aber eine echte Langzeitmotivation konnte ich bei mir auch aufgrund des repetitiven Gameplays nicht feststellen. Den 2-Spieler-Modus fand ich irgendwie aufgesetzt, da keine neue Idee zu Grunde liegt. Insofern wäre sicher Potential für mehr als nur einen Party-Gag vorhanden gewesen. Aber die Lichtpistole des XE Game System wird von weiteren 6 Spieletiteln unterstützt und könnte vielleicht noch nützlich sein. Bis dahin reite ich voller Hoffnung dem Horizont und der untergehenden Sonne entgegen.

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