Civilization
für Amiga (OCS/ECS)

Mr Creosote:
Firma: Microprose
Jahr: 1992
Genre: Strategie
Thema: Historisch / Politik / Krieg
Sprache: English, Deutsch
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 403
Rezension von Mr Creosote (05.09.2020)
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Ich erinnere mich noch sehr gut an mein erstes Mal Civilization. Der A500 war mit dem bereits damals ältlichen Röhrenfernseher verkabelt, der gerade mal zehn physische Knöpfe zur Programmwahl besaß. Neben mir saß mein damaliger bester Freund. Die langen Ladezeiten und das praktisch unüberspringbare Intro störte uns nicht weiter. Da wir ohnehin keine anderen Versionen kannten, fielen uns auch natürlich nicht die typischen Amiga-Krankheiten von Microprose-Spielen der Zeit, wie die unzuverlässige Maussteuerung, auf. Die Microprose-typische schlampige, teilweise erheiternde Übersetzung dagegen schon eher.

Wie entschieden uns für eine Zufallskarte. Auf dem, was sich später als recht kleine Insel herausstellte, gründeten wir unsere erste Stadt. Eine zweite folgte, doch diese wurde leider nach dem ersten Zusammentreffen mit einer anderen Zivilisation schnell überrannt und erobert, während unser großes Projekt einer Verbindungsstraße zwischen unseren beiden Metropolen sich noch im Bau befand. Wie schworen Rache und stellten die Produktion unserer Hauptstaft auf Reiter um. Viele Jahre und Schlachten später überwanden wir die Verteidigungslinien der umkämpften Stadt wieder… doch anstatt sie triumphal wieder in Besitz nehmen zu können, fanden wir nur noch Ruinen vor.

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Also schickten wir unsere Reiter weiter und entdeckten schließlich die feindliche Hauptstadt. Es gelang unseren Armeen nicht, sie zu nehmen. Der Krieg zog sich die folgenden Jahrhunderte in einem ewigen Patt hin, ohne dass eine Seite jemals entscheidend die Oberhand gewinnen konnte. Unsererseits war strategische Planung ohnehin ein Fremdwort. Unser „Plan“ bestand in der Produktion möglichst vieler Reiter, wobei wir jede Einheit direkt nach Fertigstellung dem Feind entgegenschickten. Technischer Fortschritt war praktisch zum Stillstand gekommen, da wir unsere Ressourcen primär ins Militär pumpten und „Kleinigkeiten“ wie die Geländeboni durch den Bau von Straßen jenseits einfacherer Bewegung kannten wir nicht (da wir weder eine Anleitung besaßen, noch die Geduld, die hervorragende Civilopedia zu lesen).

Mein Freund musste irgendwann nach Hause gehen. Doch ich blieb weiterhin vor dem Bildschirm gefesselt. Und dann geschah es!

Völlig on den Socken rief ich meinen Freund von unserem Wählscheibentelefon im Familienwohnzimmer an. Ich erzählte ihm haarklein, aber wahrscheinlich völlig unstrukturiert, was da geschehen war. Wobei ich direkt mit der großen Sensation anfing: Die Realität leicht geschöhnt behauptete ich, ganz nah dran an der Eroberung der gegnerischen Hauptstadt gewesen zu sein als die Schiffe einer dritten Zivilisation unsere Insel erreichten. Dieser neue Gegner machte kurzen Prozess mit unseren beiden Nationen. Er konnte es kaum glauben: Sie waren übers Meer gekommen? Solche Technologie schien undenkbar angesichts dessen, was unsere eigenen Wissenschaftler erreicht hatten. Wir verabredeten uns zu einem neuen Anlauf gleich am nächsten Tag. Der Rest ist Geschichte.

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Dreißig Jahre später mag es für diejenigen, die seinerzeit nicht selbst dabei waren, schwierig zu verstehen sein. Doch was Civilization damals ausmachte, was es seinen Spielern ganz intuitiv vermittelte, war ein ungekannter Umfang. Das Gefühl, Teil einer Weltsimulation zu sein, die derart wundersam war, dass einfach alles geschehen konnte.

Klar, optisch erinnerte es verdächtig an Railroad Tycoon, ein Spiel, das wir ebenfalls bereits kannten und liebten, das jedoch niemals diese blanke Ehrfurcht hervorgerufen hatte. In jedem Spiel tobten wir uns vor Allem auf der Europakarte aus, so dass es eigentlich niemals zu echter Konkurrenz kam, da alle vier Bahnunternehmen sich gut miteinander arrangieren konnten. Und überhaupt waren uns die Bausteine von unserer echten Modelleisenbahn bekannt, die wir in unserem als Spielzimmer ausgebauten Dachboden aufgebaut hatten. Die Regeln dieses Spiels waren uns völlig transparent (selbst… ahem… ohne Anleitung).

Nicht so in Civilization. Die Freiheit, die es einem als Spieler gab, war beispiellos. Es hatte vorher viele Kriegsspiele gegeben. Es hatte Wirtschaftssimulationen gegeben. Sim City hatte den Bau einer Stadt simuliert. Doch jedes dieser Spiele war nur ein Ausschnitt der Welt, der auf klar vordefinierte Weise zu beackern war. Civilization dagegen schien all das über Bord zu werfen. Die Aufgabe bestand in nicht weniger als dem Überleben und der Entwicklung der gesamten Menschheit. Größer ging es nicht!

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Heute, nachdem all die zugrundeliegenden Spielmechaniken und -regeln durchanalysiert und methodisch offengelegt wurden, und dadurch auch Schwächen im Gesamtkonstrukt klargeworden sind, hat sich die damalige Faszination gewandelt. Sie hat sich in Richtung einer Bewunderung der so gut ausbalancierten Kombination unterschiedlichster Spielelemente gewandelt (zumindest dann, wenn man eben nicht die Regellücken ausnutzt, die einen Sieg praktisch garantieren, aber dabei auf den Spaß kaputtmachen). Die Bewunderung, wie organisch alle kleinen Spielaspekte ineinandergreifen, wie stringent alles durchdesignt ist. Die Bewunderung, dass obwohl im Geiste des Kalten Krieges die Grundzüge der „westlichen“ Gesellschaft und Wirtschaftsordnung schon bevorzugt behandelt werden, sich doch alle Herrschaftsformen in gewissen Situationen als nützlich erweisen.

Natürlich ist es im Rückblick einfach, den Finger in all die Scharten zu legen, die manche Nachfolger ausgewetzt haben. Doch es ist genauso leicht zu vergessen, wie viele andere spätere Spiele sich ebenfalls an Erweiterungen versucht haben und damit krachend gescheitert sind; meist, weil die Spielbalance litt oder sogar weil sie anscheinend fundamental missverstanden hatten, was das Original so großartig gemacht hatte. Doch jenseits aller Detaildiskussionen ist es nun mal viel einfacher, etwas Bestehendes aufzugreifen und es zu verbessern. Das erste Civilization kam aus den Nichts. Es zeigte uns, wie groß Computerspiele sein konnten. Wie groß Entwickler denken konnten. Wie die hochentwickelte Computertechnik der Zeit solche Visionen möglich machte. All das hat Civilization uns gegeben. Daran sollten wir uns immer erinnern.

Kommentare (4) [Kommentar schreiben]

Mr Creosote (08.06.2020):
Geschrieben von Herr M. um 19:16 am 02.06.2020:
Though I have to say: The most interesting part is the beginning and things lose a lot of steam as soon as you hit the industrial revolution. Probably because for one things get repetitive and for two by then you have practically won the game and you are just going through the motions until you eventually win.

Indeed, once you reach conscription and armors, there is nothing to stop you anymore usually. The computer opponents are really only dangerous in the early game. Typical problem with AIs ;)

Another related thing which occured to me is at least in my "default" style of playing, how it's basically useless to spend money on military before that industrial age. Just few defending units here and there, but attacking armies become outdated so rapidly that waging war is really not worth it (unless you go for the common full-out chariot war machine strategy which obviously always succeeds).

Herr M. (02.06.2020):

Just finished my most recent world conquest today and funnily this game somewhat still holds up. Maybe because the gameplay's complexity just hits the sweet spot between being easy to pick up (again) and offering enough challenge to keep up your interest.

Though I have to say: The most interesting part is the beginning and things lose a lot of steam as soon as you hit the industrial revolution. Probably because for one things get repetitive and for two by then you have practically won the game and you are just going through the motions until you eventually win.

Funny thing about this particular playthrough: I had a cavalry unit right from the start (from one of those random events), and I rushed all through Europe, Asia and Africa until I had beaten all the civs there. The rest of the game was just a piece of cake. ;)

NullVoid (04.11.2017):
Ah, yes, that feeling of "just one more turn" until I was surprised by the sun rising in the east, and I had to be up in a couple of hours for school. It had a few humor elements built in, which were thankfully phased out in the sequels. My favorite is still II, though.
maxthebuch (09.10.2015):
Civilization war eines der ersten PC-Spiele die ich meistern durfte. Das gründen der Städte und das Forschen nach neuen Technologien hat in mir die Abenteuerlust geweckt. Noch heute ist es ein sehr gutes Spiel. Es ist nicht zu kompliziert und dennoch hat man viele Möglichkeiten ein Spiel zu gewinnen.
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