NeuroDancer: Journey into the Neuronet!
für 3DO

Mr Creosote:
Firma: Electric Dreams / Pixis Interactive
Jahr: 1994
Genre: Denkspiel
Thema: Polizei & Verbrecher / Adult
Sprache: English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 326
Rezension von Mr Creosote (14.11.2020)
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Mitte der 90er befand sich Phreaking auf dem absteigenden Ast… aber wie das Leben so spielt wurden die Manipulationen des Telefonsystems heroisiert und dadurch geradezu legendär. Also genau der passende Zeitpunkt, daraus ein Videospiel zu machen. Und man könnte es ja auch noch mit diesem brandneuen Internet-Dingens vermengen. Und zuguterletzt eine gehörige Prise des zeitlosest populären Themas: nackte Frauen. Also los, auf ins Neuronet!

Jenes Neuronet erweist sich leider jedoch als eher öder Ort. Im Prinzip handelt es sich um ein Videotelefoniesystem mit ein paar Bezahldiensten. Darunter der Vorläufer heutiger Live-Webcam-Sexshows: Neurodancer Inc. verspricht direkte Verbindungen zu drei jungen Frauen, die sich nur allzu gerne ihrer Kleidung entledigen und ihre gesunden Körper zur Schau stellen – gegen Überweisung ebenso gesunder Geldsummen. Man muss die überaus akurate Vorhersage der Produzenten darüber, wie das heutige Internet vom überwiegenden Teil seiner Benutzer genau zu solchem Starren auf nackte Körper verwendet wird, einfach bewundern.

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Der Spieler ist Teil einer Phreaker-ähnlichen Gemeinschaft und weiß entsprechend sehr gut, wie er seine Gelüste finanzieren kann. Nicht abgesicherte Netzknoten innerhalb undefinierbarer Irrgärten können mittels einer schwebenden Drone missbraucht werden. Positiv könnte man also behaupten, Neurodancer sei ein Spiel in der Tradition von Activisions Hacker-Spielen, deren Hauptaktivität gar nicht mal so unähnlich war. Wieso gleich mehrere Menschen auf die Idee gekommen sind, „Hacking“ durch ferngesteuerte Roboter in Labyrinthen zu repräsentieren, wüsste ich allerdings schon mal gerne.

Die Herausforderung in diesem „Hacking“-Vorgang liegt darin, seine eigene Gier zu zügeln, denn je länger man seine Drone verbunden lässt, desto wahrscheinlicher wird man bemerkt. Die zweite, weitaus größere Schwierigkeit liegt darin, die Geduld aufzubringen, sich die immer gleiche, im Schneckentempo ablaufende Schwebeanimation anzugucken, deren jedes mal spürbarer Ladevorgang einen schier um den Verstand bringt.

Hat man sich dann so ein paar Credits ergaunert, kann sich der Spieler wieder bei Neurodancer anmelden und eine der Puppen tanzen lassen. Da es sich um eine persönliche Vorstellung, quasi im Hinterzimmer, handelt, darf man sogar wählen, welches Kleidungsstück als nächstes fallen soll (Welch Interaktivität! Als ob man wirklich da wäre!). Natürlich kostet jeder Entkleidungsschritt extra. Bis schließlich/hoffentlich nichts mehr den geifernden Blicken verborgen bleibt. Na ja, so weit es das Spiel erlaubt.

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Uuuuuund… das war's. Dies ist das ganze Spiel. Man muss es sich nochmal auf der Zunge zergehen lassen: Das Spiel besteht daraus, mit exakt einer Wandtextur verzierte Irrgärten zu erforschen, einen Knopf zum „verbinden“ zu drücken, dann schnell wieder die Verbindung zu kappen, und im Folgenden drei grob gepixelten, oberweitelastigen Frauen in schrecklichen 90er-Jahre-Kostümen beim „Tanzen“ zuzusehen und von Zeit zu Zeit mal per Knopfdrück einen Wunsch zu äußern, was sie denn bitte noch ausziehen mögen.

Drumherum wurde das absolute Minimum an Potemkinschen Dörfern gestrickt. Schäbige Kulissen, die nach zwei Minuten in sich zusammenfallen. Im Neuronet gibt es deshalb ein paar weitere „Kanäle“: ein Strip-Stein-Schere-Papier (interaktiv) und eine Handvoll nicht-interaktiver Scherzvideos (beispielsweise eine Wettervorhersagensatire).

Dabei funktioniert noch nicht einmal die Kernspielmechanik des Strippens so richtig durchgängig. Theoretisch sollte man in jedem Status der Entkleidung den Frauen sagen können, ob sie „oben“ oder „unten“ weitermachen sollen. Dafür hätte man dann verdammt nochmal immerhin alle möglichen Kleidungskombinationen einmal abfilmen können, doch das ist nicht der Fall. Ohne irgendeinen Hinweis seitens des Spiels hat man also öfters gar keine Wahl. Man nehme beispielsweise mal an, man wolle die Frau in Rock und BH sehen. Also wählt man die Bluse aus. Wuusch, 100 Credits dahin. Für nichts, denn eine solche Kombination gibt es gar nicht. Der Rock wäre die lohnendere Investition gewesen.

Soll heißen: Selbst unter der Annahme eines Spielers, der dieses hauchdünne „Spiel“ ernst nimmt und auch die Entlohnung für die Zeitinvestition prinzipiell für angemessen befindet, wäre auch dieser von Neurodancer enttäuscht, da es nicht einmal das, was es verspricht, liefert. Und was es verspricht ist bereits mehr als dürftig. Wer gerne nackte Frauen sehen möchte, der sucht sich besser andere Wege.

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