Bureaucracy
für PC (DOS)

Mr Creosote:
Firma: Infocom
Jahr: 1987
Genre: Adventure
Thema: Humor / Textbasiert
Sprache: English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 24398
Rezension von Mr Creosote (08.11.2020)
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Anders als die meisten Computerspielumsetzungen bekannter Romane war The Hitchhiker's Guide To The Galaxy tatsächlich in enger Zusammenarbeit mit dem Autoren Douglas Adams entstanden. Das Spiel verkaufte sich gut, so dass ein Nachfolger eigentlich hätte gesetzt sein sollen – und man glaubt es kaum, aber Adams hatte wohl auch noch Lust auf eine weitere Kollaboration mit Infocom. Doch statt sich an The Restaurant at the End of the Universe (dessen Entwicklung schließlich, einige Jahre später, mit Infocoms Schließung endgültig verschwand) zu setzen, wollte er lieber einen originären Stoff anbieten.

Seine Satire auf alltägliche Bürokratie schaffte es bis zur Veröffentlichung, doch der Weg dorthin war steinig. Adams, wankelmütig wie immer, verlor nach wenigen Monaten Entwicklungsarbeit das Interesse. Designer kamen und gingen. Michael Bywater wurde quasi als Douglas-Adams-Imitator hinzugezogen, die Geschichte zu einem Ende zu bringen. Mit zwei Jahren Verspätung, also 1987, stand das Spiel schließlich in den Läden. Steve Meretzky bezeichnete es rückblickend als „Chinese Water Torture project“, womit uns Außenseitern wohl trotzdem nur maximal eine winziges Schlaglicht auf all das, was da wohl über die Jahre schiefgelaufen war, gegeben wurde.

Die schwierige Geburt erklärt dann wohl auch ein paar Unregelmäßigkeiten, die selbst arglosen Spielern auffallen mögen. Um es auf den Punkt zu bringen: Das Spiel wirkt zusammengewürfeltes Stückwerk. Ein wirklich durchgehender Plot liegt ihm nicht erkennbar zu Grunde. Der Humor von Adams und Bywater könnte einen in den besten Momenten zum lauten Auflachen bringen, wenn man sowas bei einem Computerspiel jemals täte, aber Alles in Allem handelt es sich doch immer nur um immer wieder neue Vignetten ohne großen Zusammenhang.

Eine Sammlung guter Szenen könnte aber natürlich trotzdem unterhalten und genau so stellt sich Bureaucracy auch dar. Der Humor funktioniert auf mehreren Ebenen. Zuerst wären einige schön miteinander verwobenen Mikrodesigns des Themas (Bürokratie) mit fordernden Rätsel zu nennen. Das berühmte Bankrätsel, das vom Spieler den kreativen Missbrauch viel zu komplizierter Formulare abverlangt, um irgendwie Geld von seinem eigenen Konto zu bekommen, wäre diesbezüglich zu nennen.

Zweitens simuliert das Spiel in gewissem Maße echte bürokratische Nerverei, wie beispielweise gleich zu Anfang, wenn der Spieler zwangsverpflichtet wird, auf längliche Art und Weise Pseudo-Registrierungsfragen zu beantworten, über die man zu allem Überfluss dann auch noch später wieder abgefragt wird, oder kurz darauf der nicht enden wollende Bestellprozess eines eigentlich simplen Fast-Food-Restaurants, das wirklich jedes noch so unwichtige Detail einzeln abfragt und das dann auch noch alles zweimal. Ein sehr mutiges, da riskantes Design, denn Spieler könnten an solchen Punkten das Spiel tatsächlich entnervt in die Ecke pfeffern. Unabhängig von persönlichen humortechnischen Vorlieben muss man den Metahumor dabei allerdings schätzen.

Spielerisch kombiniert werden diese Szenen mit der recht originellen Blutdruckmechanik. Frust lassen diesen beim Protagonisten nach oben schnellen. Bekommt man dies als Spieler nicht unter Kontrolle, war's das. Leider wird dies jedoch auch in schwächeren Szenen verwendet, die man bestenfalls noch als abgedroschene Clichés bezeichnen kann (beispielsweise das weinende Baby). Dazu kommt, dass der Spieler fürs Experimentieren potentiell bestraft wird, da fehlgeschlagene Aktionen den Blutdruck grundsätzlich erhöhen – insofern also ein eher schlechtes Design. Insbesondere, da einige wirklich schwierige Rätsel kaum ohne viel Ausprobieren gelöst werden können.

Ebenso fraglich bezüglich der Konsistenz des Designs und des Themas gestalten sich die Charaktere. Einige der auftretenden Figuren sind wunderbar schräg, wie der Paranoiker oder der Hacker. Für sich gesehen gäbe es an ihnen nichts zu meckern. Doch wie passen sie bitte in das Oberthema der Bürokratie? Was hat Bürokratie mit Verschwörungstheorien zu tun? Warum driftet das Spiel gegen Ende immer weiter in Richtung Actionabenteuer ab, wenn man aus einem Flugzeug springt und plötzlich einen Untergrundkomplex erkunden muss?

Keiner dieser Abschnitte ist für sich gesehen schlecht. Spielmechanisch gibt es sogar nochmal das eine oder andere Highlight zu sehen, wie beispielsweise die gelungene Simulation einer Computerbenutzung im Spiel. Leider verhält es sich allerdings so, dass an diesem Punkt irgendwie überhaupt nichts mehr zusammenpasst. Die Frage, wie man von der Ausgangssituation, von Umzugsproblemen gestresst zu sein, hierhin gelangt ist, muss schon erlaubt sein.

Eklatante Schwächen hin oder her: Bureaucracy bleibt trotzdem im Gedächtnis haften. Die hervorrangende erste Hälfte, so unzusammenhängend selbst diese bereits sein mag, übertrifft den Großteil des damaligen Genres bereits spielend. Ganz sicher befand sich keiner der Beteiligten hierbei auf dem Höhepunkt seines Schaffens, aber trotzdem ist das Spiel selbst für Infocom-Verhältnisse besonders erinnernswert – auch wenn es teilweise an der Metaebene liegt.

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Rezension von Mr Creosote (23.06.2000)
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Infocoms Textadventures sind bekanntermaßen die besten. Ihre Spielengine mit ihrem großartigen Parser wurde für eine Vielzahl verschiedener Meisterwerke benutzt. Bureaucracy ist eins davon. Was es gegenüber seinen „Kollegen“ überlegen macht, ist der geniale Plot. Er wurde von Steve Meretzky (Leather Goddesses of Phobos, Stationfall) und dem bekannten Schriftsteller Douglas Adams geschrieben. Die beiden hatten bereits zuvor zusammengearbeitet, um Adams' The Hitchhiker's Guide to Galaxy (Deutsch: Per Anhalter durch die Galaxie) als Spiel umzusetzen.

Man ist gerade in sein neues Haus eingezogen. Der neue Arbeitgeber (die „Happitec Corporation“) will einen auf einen Kurzurlaub nach Paris schicken. Leider ist das versprochene Taschengeld noch nicht angekommen. Und die eigene Kreditkarte wurde gerade von der Bank gesperrt. Also läuft man einfach rum und versucht einen Weg aus dieser Breduille zu finden.
Vom Anfang bis zum Ende stolpert man von einer merkwürdigen Situation in die nächste. Die Plotentwicklung mag zwar nicht allzu logisch sein, aber während des Spielens akzeptiert man diese plötzlichen Brüche einfach. Man hat sowieso keine Zeit, genauer darüber nachzudenken. Sich an die neue verwirrende Situation zu gewöhnen ist meistens schon schwierig genug!
Das Spiel besteht erstmal nur aus locker verbundenen Ereignissen, die alle etwas mit Bürokratie zu tun haben. Ihr satirischer Wert ist in den meisten Fällen sehr hoch. Die witzigsten Szenen sind die, die von alltäglichen Situationen handeln wie Geld vom Bankkonto abheben oder im Restaurant einen Burger bestellen. Auf der anderen Seite gibt es auch detailliert beschriebene Personen (z.B. der Paranoide), die eine Menge Humor in sich bergen. Die ersten Teile sind so extrem witzig, dass man das etwas schwächere Ende ohne weiteres entschuldigt. Obwohl es immer noch witzig ist, tritt hier der satirische Aspekt doch sehr in den Hintergrund.
Eine Besonderheit des Spiels basiert auf dieser Geschichte. Jedesmal, wenn man sich mit nicht funktionierenden Maschinen oder ignoranten Angestellten rumschlagen muss, steigt der eigenen Blutdruck. Man sollte ihn genau beachten.
Wenn man es nämlich nicht tut, stirbt man. Einige Züge zum Ausruhen sind also von Zeit zu Zeit nötig. Nicht wirklich eine Gefahr, aber es unterstützt doch die Athmosphäre.

Der andere wichtige Aspekt bei Adventures neben der Story sind die Rätsel. Unlogische können den ganzen Spaß verderben. Aber lächerlich einfache sind auch überhaupt nicht besser. Bureaucracy IST schwierig.
Aber NICHT unmöglich. Es ohne ein einziges Mal in die Lösung zu gucken durchzuspielen wird nur wenigen Leuten vorbehalten sein. Ich konnte es nicht. Das Bank-Rätsel war zu schwierig für mich. Jeder, der es
probiert hat, wird wissen, wovon ich spreche! Trotzdem, das Meiste IST logisch und kann mit etwas Nachdenken durchaus gelöst werden. Tut euch selbst den Gefallen und gebt nicht so schnell auf. Es gibt kein besseres Gefühl als sich bewusst zu sein, dass man es ohne Betrug geschafft hat! Besonders in diesem Spiel.
Mit Bureaucracy zeigen sich Textadventures wirklich von ihrer besten Seite. Man kann geradezu spüren, wieviel Spaß die Autoren beim Schreiben gehabt haben müssen! Ein Spiel mit Seele. Nicht eines von diesen neumodischen kalten Bestsellern. Und mit hohem Wiederspielwert, obwohl ein Adventure.

Wenn man noch nie ein Textadventure gespielt hat, könnte Bureaucracy der Einstieg sein. Fast keine zeitkritischen Szenen, faire Puzzles und eine großartige Story.

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