Mad TV
für PC (DOS)

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Mr Creosote:Besucherwertung:
5.1/6
Firma: Rainbow Arts
Jahr: 1991
Genre: Strategie
Thema: Geschäftswelt / Cartoon & Comic / Humor
Sprache: Deutsch, English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 50004
Rezension von Mr Creosote (08.08.2020)
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Sogenannte Wirtschaftssimulationen gab es in den 80er und 90er Jahren in und aus Deutschland zu Hauf. Die meisten sind heutzutage vergessen. Mad TV dagegen hat dagegen einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis der Spielerschaft eingenommen und somit überdauert. Investigativ braucht man kaum zu werden, um die Gründe dafür herauszufinden. Vielmehr steht das Spiel heute als einer der großen Belege dafür, wie um die Jahrzehntswende bei Rainbow Arts praktisch alle kreativen und begabten Köpfe der deutschen Branche zusammenkamen, und die Firma somit zum Inkubator für fast alles, was danach noch folgen sollte, wurde.

Ganz vorne ist dabei natürlich Ralph Stock zu nennen. Zuvor kannte man ihn nur als Autoren dreier technisch sehr kompetenter und ganz unterhaltsamer, aber in ihren Designs etwas sperriger Adventures. Mit Mad TV schuf er sich ein Denkmal, von dem er in den folgenden Jahrzehnten zehren konnte. Zur Seite gestellt bekam er für Grafik und Sound relative Newcomer, die sich jedoch in den Folgejahren ebenfalls Namen machen konnten.

Mad TV sah (für eine Wirtschaftssimulation) also in seinem Cartoonstil unerhört gut aus und klang hervorragend, aber die eigentliche Revolution lag natürlich in Stocks Design. Tabellen und Zahlen gehörten (beinahe) der Vergangenheit an! Zumindest im spielaktiven Sinne. An ihre Stelle tritt ein Paradigma, das beinahe schon zu logisch wirkt, als das Jemand anderes darauf hätte kommen können. Jegliche Abstraktion in Menüs, Zahlen oder Sonstigem wird entfernt. Stattdessen steuert man in Adventuremanier die kleine Figur des Programmchefs, der zwischen den relevanten Büros des Fernsehsenders und der verbundenen Dienstleister herumläuft.

Man benötigt neues Sendematerial? Also auf zum Filmhändler und schwupps ist die Einkaufstasche voll. Werbeblocks? Schnell ein paar Verträge bei der Agentur schließen. Nachrichten? Auf zum Ticker, da findet sich schon etwas. Und nicht vergessen, auch mal beim Portier vorbeizuschauen, der hat immer die neuesten Gerüchte. Jede Aktivität ist somit unmittelbar und bekommen ein eigenes Gesicht sowie Kulisse.

Im zentralen Wortsinne gilt dies genauso für die Erfolgsindikatoren. Zwar finden sich im Computer des Protagonisten schon noch ein paar Tabellen voller Zahlen, die man nach Belieben aufrufen kann. Doch wirklich notwendig ist das nie. Das aktuelle eigene und Konkurrenz-Programm ist auf einem kleinen Bildschirm am unteren Rand zu sehen. Ebenso eine schematische Darstellung der Zuschauerschaft durch den Blick in ein repräsentatives Wohnzimmer. Informationen, die – wie man schnell erkennt – ausreichen.

Dazu kommt die Thematik, die man als beinahe universell interessant annehmen kann. Wo sich andere Firmen mit Logistik und Warenverkehr, Ein- und Verkaufspreisen beschäftigten, geht es in Mad TV um Unterhaltung. Fernsehunterhaltung, also etwas, wozu jeder potentielle Spieler einen Bezug hat. Und in das jeder Spieler seine eigenen Vorlieben abseits der kühlen wirtschaftlichen Kalkulation der Profitmaximierung projizieren kann. Dabei helfen die echten Film- und Seriennamen sowie die teilweise köstlich pointiert geschriebenen Kurzzusammenfassungen des Sendestoffs. Alles natürlich unlizensiert – was in der schönen damaligen Zeit noch nicht die kommerzielle Veröffentlichung verhinderte.

Trotz all dieser Unmittelbarkeit, Zugänglichkeit und dem Verzicht auf viele Details ist das Spiel faktisch nicht weniger komplex als die sonst üblichen Genremachwerke, die ihr simples internes Modell häufig nur hinter Zahlenwüsten verstecken. Gleichzeitig ist Mad TV jedoch einfacher zu meistern als der Genredurchschnitt. Wie passt das zusammen? Mad TV setzt die Erfolgsschwelle auf ein vernünftiges Maß an. Der Korridor des Erfolges ist nicht zu eng geraten und Zufall spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle. Wenn man erstmal ein gutes Programmschema gefunden hat, reicht es, dies im Sinne zu wiederholen, bis das Spiel gewonnen ist. Ernsthafte Schwierigkeiten stellen sich einem nicht mehr in den Weg. Trotzdem spielt man weiter, was einem eigentlich alles über die Qualitäten des Spiels sagen sollte.

Mad TV ist also nicht perfekt geworden. Das starre Sendeschema mit einmal Nachrichten und einem fünfminüten Werbeblock pro Stunde lässt sich nicht anpassen. Was einem nach einiger Spielzeit etwas sauer aufstoßen mag. Doch der formelle Nachfolger zeigte ein paar Jahre später, dass eine solche Erweiterung des Spielkonzepts sich nicht trivial in die Balance einzufügen ist. Denn die zusätzlichen Freiheitsgrade für den Spieler wollen ja auch sinnvoll nutzbar sein.

Hauptkritikpunkt ist jedoch eine technische Beschränkung: Es handelt sich um ein reines Einzelspielerspiel. Obwohl eigentlich alles auf direkte Konkurrenz ausgelegt ist, man die anderen beiden Programmchefs sogar auf den Gängen über den Weg läuft (mit witzigen Sprechblasen beim Zusammentreffen), gibt es keinerlei Splitscreen-, Nullmodem- oder sonstige Optionen, mit einer zweiten Maus einzugreifen.

Und das, obwohl einige vorhandene Spieloptionen erst so richtig Sinn ergäben, wenn eine solche direkte Konkurrenz bestünde. Versteigerung besonders profitabler Filme? Braucht man nicht, ebensowenig wie Eigenproduktionen, da man mit den basischen Mitteln die Computerkonkurrenz bereits locker schlagen kann. Der berühmt-berüchtigte Generalschlüssel, mit dem man Zugang zu den Büros der anderen Sender bekommt, und so beispielsweise deren Programmplanung auszuspionieren, macht bei Computergegnern nicht so richtig Spaß. Die Schadenfreude, ihre Studios zu sabotieren, hält sich ebenfalls in Grenzen. All das deutet schon darauf hin, dass hier mal mehr geplant war.

Jedoch, und das ist das eigentlich Seltsame, schaffte auch keines der ähnlich gestrickten späteren Spiele diesen eigentlich offensichtlichen Sprung. Stock selbst bediente sich der Formel noch mehrfach wieder (Mad News, Caribbean Disaster) und auch andere Designer kupferten fleißig ab (Der Planer, Dime City). Doch so ins Schwarze bezüglich Spielspaß, Zugänglichkeit und angebotener Komplexität traf keiner mehr. So unterhaltsam einige dieser Nachahmer sein mögen, das Original bleibt unerreicht!

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Rezension von Mr Creosote (12.07.2000)
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Dies ist eines der wenigen deutschen Spiele, das eine Menge internationale Anerkennung erhielt. Und diese auch wirklich verdiente. Erstmal passt es in ein typisch deutsches Klischee: eine Wirtschaftssimulation. Aber im Gegensatz zu so lächerlichen Versuchen wie Winzer macht diese hier wirklich Spaß! Die Gründe dafür sind relativ offensichtlich.

Das Thema des Spiels ist der vielleicht wichtigste. Man ist der Manager eines privaten Lokalfernsehsenders. Dafür interessiert sich ja wohl fast jeder. Und weil echte Filmtitel eingebaut wurden macht es gleich doppelt soviel Spaß! All die Filme, die man wirklich gesehen hat und MAN SELBST entscheidet, was gesendet wird. Man mag einen bestimmten Regisseur nicht? Einfach seine Filme nicht senden. Oder noch besser: Sie kaufen, aber dann im staubigen Archiv verschimmeln lassen!

Die Designer zwingen den Spieler nicht, sich seitenlange Statistiken durchzulesen. Trotzdem ist das Spiel nicht primitiv oder simpel, sondern in einem gewissen Maße komplex. Vielleicht merkt man das nicht sofort, aber wenn man erst mehr hineinkommt wird man es sicher. Und das ist ein sehr wichtiger Punkt: Der Einstieg ins Spiel ist sehr einfach. Man braucht keine langweiligen Tutorials hinter sich zu bringen, sondern kann gleich anfangen zu spielen! Ohne Erfolg am Anfang, aber immerhin.

Ok, in dieser Hinsicht ist Mad TV zwar gut, aber manche Optionen sind dann doch nicht so leicht rauszufinden. Das sind die komplexeren Aktionen, die man nur später im Spiel braucht wie Shows produzieren und den Konkurrenten fiese Streiche spielen. Aber wofür gibt es den sonst FAQs...

Ein anderer Aspekt ist, dass sich das Spiel selbst nicht allzu ernst nimmt. Na ja, manche Grafiken sind eher albern als wirklich witzig. Aber zumindest ein paar vernünfige Witze finden sich. Sollte jeder selbst beurteilen.

Ööhm... Was kann man sonst noch hierüber sagen? Echtzeit. Wird nach einiger Zeit langweilig, weil es immer wieder das Selbe ist.

Genug geredet! Holt es euch sofort!

Kommentare (2) [Kommentar schreiben]

SventB (08.06.2006):

Browserspiele sind schon einige in der mache, unter anderem ein Flash-Spiel das recht vielversprechend aussieht (nicht von mir!) und mein Browserspiel das natuerlich noch viel besser ist :) Ich plane auch einen Multiplayermodus.
Link zum Browserspiel steht oben.

Chris (29.12.2005):

Noch kein Kommentar hier?
Meiner Meinung nach eines kurzweiligsten Spiele das jemals programmiert worden ist...
Ein ewiger Wunsch von mir: Eine Erweiterte Version mit Multiplayer...dafuer wuerd ich ueber Leichen gehen!!

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