1869
für Amiga (OCS/ECS)
Auch verfügbar für: PC (VGA)

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Mr Creosote:Besucherwertung:
3/6
Weitere Titel: 1869: Erlebte Geschichte Teil 1 , 1869: Hart am Wind
Firma: Max Design
Jahr: 1992
Genre: Strategie
Thema: Geschäftswelt / Historisch / Multiplayer / Schifffahrt / Logistik
Sprache: Deutsch, English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 85076
Rezension von Mr Creosote (13.11.2021)
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Gerade hatte man sich aus Gütersloh heraus der Hanse gewidmet ()Der Patrizier), da wurde es nur wenige Monate später noch absurder und aus der österreichischen Provinz kam mit 1869 ein Spiel, das den weltweiten Seehandel des Imperialismus simulierte. Was man, abgesehen von ein paar kleinen im Spiel eingebauten Scherzen (siehe die Beschreibung der Stadt Trieste) jedoch niemals gemerkt hätte, so durch und durch poliert und hochprofessionell wirkte das Spiel. Dass Geschäftsneulinge dahintersteckten, war kaum zu glauben. Aber, tja, es war halt immer noch die ausgehende Zeit der Schlafzimmerentwickler.

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Schönes Schiff, aber der Preis ist leider nicht verhandelbar

Auf einer schön gezeichneten Weltkarte dirigiert man seine Schiffe rund um den Globus. Oder, na ja, erstmal nur einen einen abgehalfterten, kleinen Kahn. Von Hafen zu Hafen transportiert man Waren in der Hoffnung, sie woanders profitabel abstoßen zu können. Wobei natürlich die naive Sicht, einen höheren Verkaufs- als Einkaufspreis zu erzielen, noch nicht ausreicht, denn laufende Kosten für die Mannschaft, Steuern, Reparaturen usw. sind natürlich zu berücksichtigen. Wie seit damals üblich hat das alles keinen tieferen Sinn: Ganz Turbokapitalist gewinnt derjenige Spieler, der am Ende des eingangs eingestellten Zeitraums (5 - 25 Jahre) das meiste Geld gescheffelt hat.

Die historische Periode ist dabei klug gewählt. Der wirkliche Welthandel befand sich noch in der Entstehung. Es war eine Zeit großer wirtschaftlich motivierter Konflikte – der amerikanische Bürgerkrieg, die Opiumkriege – aber auf industrieller Fortschritte, wie die namensgebende Eröffnung des Suez-Kanals oder der Siegeszug der aufkommenden Dampfschifffahrt. Die sich insofern im Fluss befindliche Welt wird im Spiel akribisch durch fest einprogrammierter Ereignisse simuliert.

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100 Ballen Seide, bitte

Die schöne Grafik und die Menüs im Adventure-Dialog-Stil laden zum direkten Losspielen ein, nur die Bedienung steht teilweise im Weg. Das Verschicken eines Schiffs ist nur noch eher unintuitive Rechts-Links-Klickkombinationen zu schaffen und den Überblick über die Bilanzen mit ihren Einstellungskombinationen zu behalten, ist ebenfalls alles andere als trivial. Doch mit etwas Routine ist das immerhin erlernbar.

Schwerer zu verdauen ist dagegen mittelfristig der sehr hohe Schwierigkeitsgrad. Ein auf Dauer profitables Unternehmen zu führen, ist selbst bei intensiver Beschäftigung nicht nur eine Frage des Talents und guter Planung. Einige Fleißarbeit wird ohnehin vorausgesetzt: Die Einkaufs- und Verkaufspreise aller Häfen zu tabellieren, ist Grundvoraussetzung. Doch selbst dann muss man irgendwann erkennen, dass die Profitmargen regulärer Handelsrouten sehr klein sind. Im besten Fall gerade mal genug, die laufenden Kosten zu decken.

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Das war's dann wohl

So richtig aufpeppen kann man das Firmenkonto dagegen durch Übernahme besonderer Aufträge oder eben die Reaktion auf globale Ereignisse. Waffenlieferungen in Kriegsgebiete bringen hohe Profite, wenn man sich denn an der feindlichen Marine vorbeischleichen kann. Tee nach London zu bringen wird beinahe genauso reich belohnt, doch (insbesondere vor Existenz des Suez-Kanals) der Weg von Indien dorthin ist weit und die Ware hochverderblich. Alles, was wirklich Profit bringt, ist somit auch hochriskant.

Was einen gewissen Sinn ergibt, spieltechnisch jedoch leider unzureichend umgesetzt ist. Auf Seeblockaden in Kriegen kann der Spieler überhaupt keinen Einfluss nehmen – es handelt sich um ein reines Zufallsereignis. Wind- und Strömungskarten, um Fahrzeiten zu berechnen, liegen dem Spiel immerhin bei. Darüber hinaus können Mannschaften verschiedener Qualität angeheuert und der Kapitän angewiesen werden, wie mit den Männern umzuspringen ist. Also scheinbar genug Einflussmöglichkeiten auf die Fahrzeit, oder? Ja, theoretisch. Nur ist der Einfluss dieser Einstellungen nicht wirklich nachvollziehbar messbar, was die Auswahl aus Dutzenden möglicher Kombinationen desto absurder macht.

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Das Geschichtsbuch verrät, wann die Aufstände enden werden

Dazu kommt, dass so sehr sich die Welt scheinbar im Fluss befindet, dies wie erwähnt eben doch nur durch statisch vorbestimmte Ereignisse geschieht. Eine wirkliche Simulation der Spielwelt innerhalb des Spiels findet nicht statt. Dass sich das tabellieren aller Preise lohnt, liegt natürlich auch daran, dass diese Preise über die Spielzeit statisch und bei jedem Spiel gleich sind. Man sollte meinen, dass mit der Anlieferung großer Mengen einer Ware deren Preis in einem Hafen sinken sollte. Aber nein, der einzige Effekt ist, dass temporär der Ankauf ganz eingestellt wird. Nur um wenige Tage später wieder auf den Ausgangspreis zurückzuschnellen.

Ein hoher Schwierigkeitsgrad für sich ist nicht notwendigerweise Grund für Klagen. Im Fall von 1869 entsteht dieser jedoch aus den falschen Gründen. Die Grundeinstellungen sind bereits zu scharf justiert und der Zufall schlägt zu hart zu. Die Bandbreite wirklich relevanter, strategisch-planerischer Spielerentscheidungen ist – versteckt hinter sehr viel pseudo – dagegen im verschwindend irrelevanten Maße gering. 1869 ist ein Spiel, das viel sehr schönes Drumherum bietet, aber ausgerechnet in seinem zu simpel gestrickten, eigentlichen spielerischen Kern scheitert.

Archivierte Rezension(en) ↓

Rezension von Mr Creosote (06.11.2005)
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Ende 1992 kämpften zwei Handelssimulationen um den deutschen Markt: Der Patrizier und 1869. Letzteres kam leicht später heraus und es wurde in der Fachpresse allgemein als Verlierer dieses direkten Duells angesehen. Denkbar knapp allerdings, also ein guter zweiter Platz.

Kurze Zeit später fand das Spiel seinen Weg in mein Zuhause. Es benötigte 1MB RAM, womit mein Amiga zu der Zeit noch nicht ausgestattet war, aber schon ein paar Tage später konnte ich mich dann daran versuchen, in der Zeit des Imperialismus mein Glück zu machen. Also die ersten Schritte: ein gebrauchtes Schiff kaufen, eine Crew anheuern, ein paar billige Waren kaufen, einen anderen Hafen der Welt anlaufen und dort die Ladung mit möglichst großem Profit wieder abstoßen. Klingt einfach. Eine halbe Stunde später war ich allerdings pleite und das Spiel war vorbei.

Ok, er war da noch ein ganzes Stück jünger und es war der erste Versuch, was? Das Problem ist nur, dass es jedesmal so lief, inklusive direkt vorm Schreiben dieses Tests. Das Spiel ist einfach zu schwierig. Unmöglich.

Dabei folgt grundsätzlich alles bekannten Bahnen: Jeder Hafen hat billige Überschusswaren und eine Liste derjenigen, für die stolze Preise im Einkauf gezahlt werden. Alles andere kann dort auch losgeschlagen werden, aber dann natürlich für wenig Geld. Nur sind leider die Gewinnspannen grundsätzlich so niedrig, dass sie kaum zur Deckung der laufenden Kosten (Heuer für die Crew, Reparaturen am Schiff) reichen.

Besondere „Missionen“ sollen da weiterhelfen. London braucht dringend Teenachschub? Auf nach China oder Indien und hoffentlich schafft man den Rückweg, bevor die Ladung verdirbt. Odessa wird belagert? Waffen werden dort mit Gold aufgewogen. Oder aber, das eigene Schiff wird durch die Seeblockade der gegnerischen Mächte aufgehalten...

Normale Handelsrouten sind somit nicht profitabel genug, und spezielle sind zu riskant oder dauern einfach viel zu lange. Die Erfolgschancen sind entsprechend klein (unendliche Untertreibung).

All das ist besonders traurig, weil das Spiel durchaus seine positiven Aspekte hat. Die Grafik ist sehr gut. Alle „Orte“ in den Häfen werden im Adventurestil gezeigt, begleitet von passenden Multiple-Choice-Menüs. Eine originelle Idee.

Das gilt allerdings im Gegenzug nicht für die übrige Handhabung. Auf der Weltkarte, von wo aus die Schiffe kontrolliert und Häfen betreten werden, sind die erforderlichen Klickprozeduren völlig unintuitiv. Rechtsklick auf das Schiff, Linksklick auf den Hafen.... was auch immer?

Gerade weil das Wirtschaftssystem ziemlich unmöglich zu meistern ist, ist es um so schlimmer, dass 1869 sich vollkommen auf es konzentriert. Es keinerlei andere Nebenbeschäftigung für den Spieler, wie der politische Zweig in Der Patrizier oder Die Fugger 2. So ist der Spieler dazu verdammt, immer wieder am Handeln zu scheitern, ohne Ablenkung interessanterer Art.

Frage: Was hat die professionellen Tester dazu gebracht, das Spiel 1992 so gut zu bewerten? Status: Ungeklärt.

Kommentare (8) [Kommentar schreiben]

Mr Creosote:
Legal nicht, hier akzeptabel und erwünscht schon.
MasterLee:
Bei den Disketten Images steht nicht für welche Version. Ich könnte mein Verzeichnis bei Dosbox zipppen und hochladen doch ist das Legal?
Mr Creosote:
Geschrieben von Ihsy um 08:34 am 12.11.2016:
Ein Super spiel. Wo bekomme ich das her?

Eine Version hier, die andere nicht. Das liegt im Ermessen desjenigen, der das Spiel einträgt.

Ihsy:
Ein Super spiel. Wo bekomme ich das her?
ror.schach:
Klasse Spiel - auch wenn ich normal nur selten Simulationen anfasse, hatte ich mit diesem viel Spaß
Mr Creosote:
Zitat:
Allerdings erfordert dieses Vorgehen die intensive Nutzung der Spielspeicherfunktion, weil man zu schnell als Blockadebrecher alles verlieren kann. Dann einfach neu laden und so lange versuchen, bis man durchkommt.

Was perfekt die Unmöglichkeit bestätigt...

Joerg Mueller:

Hallo,

ja also ich habe das Spiel damals auf meinem Amiga 500 das erste mal gespielt, und das war hart, nicht nur, weil ich dauernd Pleite ging, sondern auch weil ich mit drei Disketten jonglieren musste! (Zwei Spieldisketten, und eine zum speichern)
Nach einigen Versuchen und Tests habe ich schnell gemerkt, das man nur erfolgreich ist, wenn man erst mal jeden Hafen besucht, und sich die Waren und Preise notiert. Dann neu anfangen, und man kommt ziemlich schnell zu Geld, wenn man nur lukrative Routen fährt. Ein guter Tipp ist es, gleich zu Beginn den Krimkrieg auszunutzen, und solange es geht Waffen von Hamburg nach Odessa zu liefern. Dazu braucht man nicht mal Aufträge zu finden, einfach immer nur liefern. Allerdings erfordert dieses Vorgehen die intensive Nutzung der Spielspeicherfunktion, weil man zu schnell als Blockadebrecher alles verlieren kann. Dann einfach neu laden und so lange versuchen, bis man durchkommt. Dann hat man am Ende des Krieges so ca. 22.000 Credits, keine Schulden und sein Schiff (eine Bark kann die vollen 35 Kisten Waffen laden). Ein gutes Kapital für das weitere Spiel.

Alles in allen ein Spiel das mir gefallen hat, und das ich ab und zu immer noch mal Spiele, allerdings auf einem PC mit Festplatte ;-)

Natürlich ist das Spiel nur was für Handelssimulationsfans und eingefleischte Nostalgiker. Grafikverwöhnte Spieler sollten lieber die Finger davon lassen.

cyberdevil:

Ja, dieses Spiel war ein wirklich harter Brocken, aber durchaus zu meistern.
Mich hat nach ettlichen gescheiterten Versuchen der Ehrgeiz gepackt und die Muehe wurde belohnt.
Es ist definitiv ein Spiel, dass kaum Raum fuer Fehler laesst.
Man ist gezwungen, Gewinne _sofort_ in bessere Schiffe zu investieren und tatsaechlich sorgfaeltig zu planen.
Somit hat es gegenueber Spielen wie Patrizier & Co auch wieder seinen Reiz, wo dort auch der letzte Depp ein Imperium aufbauen konnte.

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