Sherlock Holmes: Another Bow
für C64

Mr Creosote:
Firma: Bantam
Jahr: 1985
Genre: Adventure
Thema: Umsetzung eines anderen Mediums / Krimi
Sprache: English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 21770
Rezension von Mr Creosote (22.04.2002)
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Ganze Generationen wurden mittlerweile von Sir Arthur Conan Doyles berühmtesten Charakter unterhalten. 221b Baker Street wurde zu einem Museum für eine Person, die niemals dort gelebt, ja sogar niemals existiert hat! Und nur wegen einer zufälligen (?) Wahl eines Autors, der noch keine Ahnung hatte, was er gerade geschaffen hatte. Die Bekanntheit Sherlock Holmes' geht sogar so weit, dass eine Menge Leute glauben, er sei ein historischer Charakter!

Sherlock Holmes: Another Bow protzt mit dem Namen Bantams (dem Verlag der Bücher selber) auf dem Titelbildschirm. Als Konsequenz (?) ist es wie ein Buch aufgebaut: linear. Meistens bekommt man direkt oder auf sehr direkte Weise indirekt gesagt, wo man als nächstes hingehen soll. Und das ist dann auch schon meistens ein Gutteil der Lösung. Wie bei seinen „echten“ Fällen kommt er durch Beobachtung zur Lösung, nicht durch Handeln. Es geht also darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Der Plot entfaltet sich auf einem Schiff. Der 1. Weltkrieg ist gerade vorbei. Sherlock Holmes hat sich schon lange von seinem Beruf zurückgezogen. Er und Dr. Watson reisen in illustrer Gesellschaft historischer Persönlichkeiten. Und natürlich, wie überall, wo der Meisterdetektiv auftaucht, werden Pläne und Verschwürungen im Hintergrund geschmiedet. Die genaue Vorgeschichte ist in der Anleitung erzählt (das sollte man auf jeden Fall lesen, sonst verliert man schnell im Gewirr der Namen die Übersicht).

Insgesamt gibt es sechs Fälle in nur fünf Tagen an Bord (von denen der erste nicht spielbar ist) zu lösen. Diese Fälle geschehen nicht schön geordnet nacheinander - schließlich stimmen die Bösewichte ihre Aktionen nicht ab. Also ist es sehr wohl möglich (und wahrscheinlich), dass man nicht alle beim ersten Spielen löst. Um vollständig zu gewinnen, muss man alle in einer Sitzung schaffen. Aber durchspielen ist auch mit nur einem Teil möglich.

Die parallele Struktur und das daraus resultierende Spielelement, den Spieler die Beobachtungen zu den verschiedenen Handlungssträngen zuordnen zu lassen, gleicht den linearen Aufbau und den Mangel echter Rätsel wett. Weiterhin sind die Texte gut geschrieben, die Story ist gelungen. Das Spiel wird aus der Perspektive Dr. Watsons erzählt, was etwas verwirrend sein kann, da man Sherlock Holmes spielt. Wenn man z.B. etwas untersucht, bekommen man logischerweise Watsons Beschreibung, nicht Holmes'. Und manchmal wird sogar nur die Beschreibung von Holmes' Handlungen ausgeworfen, was natürlich noch weniger bringt.

Die Spielengine ist rein textbasiert und der Parser folgt nicht dem traditionellen Infocom-Standard. Man kann beispielsweise mit Leuten reden („talk to“) und zu Orten gehen („go to“). Aber er funktioniert gut genug, wenn man sich auf das Wesentliche beschränkt. Die Grafik ist nicht allzu spektakulär: Der momentane Aufenthaltsraum wird als Hintergrund eingeblendet, darüber kommen Charakterporträts der Anwesenden. Diese Porträts passen stylistisch, und das ist auch schon alles, was man über die Grafik sagen kann.

Insgesamt ein Adventure für Anfänger. Es ist kein Problem, es an einem Abend durchzuspielen, wenn man die Einführung in der Anleitung und die Texte im Spiel genau liest. Aber das Spiel entlohnt einen genügend. Und sobald man alle Rätsel gelüftet und alle Fälle gelöst hat, kann man ja immer noch herumlaufen, und Unsinn verzapfen - es gibt ein paar richtig witzige Szenen, wenn man einfach unlogische Sachen versucht! Eine Designphilosophie, die leider mit den Textadventures untergegangen ist.

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