The Blackwell Legacy
für PC (Linux)

01.jpg
Mr Creosote:
Firma: Wadjet Eye Games
Jahr: 2006
Genre: Adventure
Thema: Sonstige Fantasy / Krimi
Sprache: English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 92639
Rezension von Mr Creosote (06.06.2015)
Avatar

Episodenformate sind ein Marketingtraum, weil man die Kunden immer und immer wieder melken kann, sobald man sie einmal angefixt hat. Denn wer will schon aufhören, wenn man nur die Hälfte einer Geschichte gespielt hat? Genau, da zahlt man doch praktisch automatisch für den nächsten Teil, den darauf folgenden und so weiter bis man irgendwann ins Gras beißt. Soweit die Theorie. So verlockend diese Aussicht aus Vermarktungsgründen sein mag, geht man allerdings auch zwei große Risiken ein. Erstens muss man die Zielgruppe überhaupt erstmal angefixt bekommen. Zweitens muss man seine Erzählung auf zwei Ebenen zum Laufen bringen: die kleine Geschichte jeder Episode, die eigenen Anfang, Spannungsbogen und Ende benötigt, sowie den globalen, episodenübergreifenden Plot.

Die erste Episode ist somit offensichtlich der entscheidende Moment für den Erfolg des Gesamtkonzepts. The Blackwell Legacy hat mittlerweile bereits eine Reihe Nachfolger bekommen, so dass man wohl davon ausgehen kann, dass es geglückt ist. Beim rein unvoreingenommenen Spielen ist dies jedoch eher schwierig nachzuvollziehen. Es beginnt damit, dass die Protagonistin Rosangela die Asche ihrer Tante verstreut. Soweit, so gut, denn das ist ein klassisches Erzählmoment zur sofortigen Verbindung zwischen dem Spieler und der Protagonistin. Wenn da nicht ihre begleitenden Monologzeilen wären, die ziemlich direkt platten Soaps entnommen zu sein scheinen (oder sprechen die Leute in den USA wirklich so?). Direkt im Anschluss geht es spielerisch direkt bergab, da man sofort von einem Typen ohne guten Grund daran gehindert wird, seine eigene Wohnung zu betreten, und man also einen Weg an ihm vorbei finden soll. Welch ein abgedroschenes Cliché!

blackwell_legacy02.png

Im Anschluss geht es zumindest vorsichtig bergauf. Rosangela erhält ein paar sympatische Charakterzüge, wie ihre leichte soziale Phobie, die sehr schön durch ihr gezwungenes Lächeln in den bei Konversationen eingeblendeten Nahaufnahmen illustriert wird. Das Rätsel, die Aufmerksamkeit der Nachbarin zu erlangen, ist ebenfalls gar nicht so schlecht. Aber mal ehrlich, ist das Spiel nicht etwas wortreich? Es platziert sich am extremen Ende der Skala von Adventures, in denen man redet, redet und nochmal redet. Die Geschichte wird durch Dialoge erzählt. Rätsel, soweit sie überhaupt existieren, sind größtenteils dialogbasiert. Tatsächlich hat man am Punkt dieser Erkenntnis das einzige objektbasierte Rätsel des ersten Spieltages (von zweien) bereits hinter sich.

Die Sprecher erledigen ihre Arbeit dabei recht gut, so dass es erträglich bleibt. Trotzdem ist es natürlich auf extreme Weise einseitig und der Rest des Spiels unterstützt diesen Eindruck nur noch. Die Grafik, gezeichnet und animiert im attraktiven „Retro“-Stil, steckt voller kleiner Details, die allerdings im Spiel allesamt nicht anklickbar sind, d.h. man kann mit ihnen nicht interagieren. Das erleichtert eventuell die Fokussierung auf den Plotfortgang, aber es ist auch ein typisches Unterscheidungsmerkmal zwischen Amateur- und professionell entwickelten Spielen. Erstere implementieren meist nur ihren Lösungspfad, während letztere (zumindest die guten) dem Grundsatz folgen, den Spieler auch dann zu unterhalten, wenn er sich abseits dessen umguckt (oder einfach feststeckt). In diesem Sinne befindet sich The Blackwell Legacy also leider nicht auf dem erwarteten Niveau kommerzieller Spiele.

Positiv zu vermerken ist, dass sich das Spiel einem inhärenten Problem des Kriminalgenres recht erfolgreich annimmt. Viel zu oft finden solcherlei Spiele hauptsächlich im Kopf des Spielers statt, da die zentralen Schlüsse nur dort gezogen werden können. Dies wird immer dann ein Problem, wenn es ein Gefälle zwischen Spieler- und Charakterwissen gibt. Entweder verkündet der Protagonist plötzlich wie selbstverständlich Erkenntnisse, zu denen der Spieler noch gar nicht gekommen ist, oder er stellt sich unglaublich dumm an und sieht das, was bereits kristallklar auf der Hand liegt, nicht. Blackwell Legacy, wahrscheinlich durch Discworld Noir inspiriert, macht die notwendigen Schlussfolgerungen durch sein Notizbuch explizit. Themen werden dort automatisch eingetragen und können jederzeit konsultiert werden – aber auch kombiniert werden, um eben Schlüsse zu ziehen. Das funktioniert recht gut, da es im Bezug auf die Problematik organisch wirkt.

blackwell_legacy09.png

Es ist also ganz sicher nicht alles schlecht. Der inhärent alberne Plot über eine Frau, die erkennt, dass sie ein vom Schicksal erwähltes Medium mit der Aufgabe, verstorbenen Seelen auf dem Weg ins Jenseits zu helfen, ist, wird mit der dringend notwendigen Menge trockenen Humors aufbereitet. Ein sehr gelungenes Objekträtsel (mit dem einen begleitenden Geist in der Öffentlichkeit zu sprechen, ohne irritierte Blicke der Mitmenschen auf sich zu ziehen) taucht auch sogar noch unvermittelt auf. Und der schwierige Balanceakt, dies sowohl als „Origin Story“ der Protagonistin zu gestalten, während man ihr gleichzeitig auch bereits ihre erste konkrete Aufgabe in ihrer neu eingeführten Rolle geben muss, ist ebenfalls akzeptabel gelungen.

Trotzdem ist der sofortige Reiz einfach nicht da. Dieses Gefühl, dass wenn man mit diesem Teil durch ist, sofort mehr will; dass man direkt zurück ins (virtuelle) Geschäft rennt und die nächste Episode erwirbt. Vielleicht liegt es auch daran, dass diese erste Episode zu abgeschlossen wird; einen Cliffhanger sucht man vergeblich. Doch die wahrscheinlichere Erklärung liegt in all den in dieser Rezension erklärten Dingen. Ein paar gute Ideen und Elemente sind ja vorhanden. Ausbalanciert sind sie leider überhaupt nicht. Einige Designaspekte befinden sich immer noch deutlich auf Amateurniveau, als hätte Jemand dieses Spiel in der Freizeit nach Feierabend entwickelt. Was ja auch noch nicht mal besonders schlimm sein muss, aber wenn man dann doch zahlende Kunden möchte, sollte man schon etwas mehr bieten als das Minimum – so solide jenes sein mag. Blackwell Legacy versucht dies mit der technischen Produktionsqualität zu rechtfertigen, im speziellen der hervorragenden Musik und den professionellen Sprecherleistungen. Was auch wirklich nett ist, aber Fortschritt im Spieldesign nicht ersetzt.

Kommentare (0) [Kommentar schreiben]