C.P.U. Bach
für 3DO

Mr Creosote:
Weitere Titel: Sid Meier's C.P.U. Bach
Firma: Microprose
Jahr: 1993
Genre: Denkspiel
Thema: Lernspiel / Einzigartig
Sprache: English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 497
Rezension von Mr Creosote (29.10.2022)
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Zwar hatte ihn Microproses Vermarktungsstrategie bereits in den 80er Jahren zum Star der Branche gemacht, doch Civilization war selbst für Sid Meier ein solcher Hit, dass alles, was danach kommen würde, verflucht war, als (relative) Enttäuschung zu gelten. Wie hätte man diesen Spielumfang, diesen Erfolg wiederholen können? Sid traf eine kluge Entscheidung. Na ja, nicht klug im kommerziellen Sinne, aber klug insofern, dass er einen Vergleich mit seinem eigenen Spiel gar nicht erst zuließ.

C.P.U. Bach ist tatsächlich weniger Spiel, als vielmehr ein Spielzeug. Es gibt keine fordernde Aufgabe, keine Punkte. Stattdessen komponiert das Programm Musik und spielt es einem vor. Ja, richtig gelesen. Es erlaubt seinem Benutzer nicht etwa, Musik zu komponieren, sondern macht das ganz alleine. Immerhin auf der Basis von einigen Nutzereinstellungen. Möchte man eine Präludium, einen Choral oder ein komplettes Concerto hören? Welche Instrumente sollen zum Einsatz kommen? Der Rest geschieht dann aber von selbst.

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Moment, Präludium, Choral, Concerto? Wie durch den Namen bereits angedeutet outet Meier sich als Fan Johann Sebastian Bachs (und nicht so sehr, trotz des Namens, C.P.E. Bachs). Barocke Musik folgt sehr strengen, reproduzierbaren Regeln. Somit kann sie algorithmisch generiert werden. Genau das tut das Programm.

Soll heißen man bekommt Musik im barocken Stil, die aber originär von dem Programm erstellt wurden. Es setzt nicht nur bekannte Motive oder Abschnitte neu und zufällig zusammen. Die Werbung verspricht 10 Milliarden verschiedene Stücke, die das Programm erstellen könne. Immerhin kann ich bestätigen, keines zweimal gehört zu haben.

Das Konzert wird wählbar begleitet von ebenfalls live berechneten fraktalen Formen, beruhigenden Naturbildern oder einer 3D-gerenderten Animation von Musikern, die das Stück aufführen. Alles ganz nett, wenn man das Programm auf dem Fernseher im Wohnzimmer Gästen zeigen will.

Wer tiefer buddeln will, kann sich stattdessen die gespielten Noten anzeigen lassen, wobei das Stück in Abschnitte heruntergebrochen und dazu kurze erklärende Texte zur Musiktheorie angezeigt werden. Leider geht das nicht sehr tief. Wer möchte, kann hier von dem Unterschied zwischen einem Thema und einer Melodie erfahren, aber weder erklärt das Programm, was eine Fuge überhaupt ist, noch macht es seine zugrundeliegende Kompositionsalgorithmik transparent.

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Es handelt sich also um ein reines Unterhaltungsprodukt, kein Lernprogramm. Insofern ist sein Reiz ehrlich gesagt beschränkt. Meier unternimmt keinerlei Versuch, seine Begeisterung denen nachvollziehbar zu machen, die nicht bereits eingeweiht sind. Zielgruppe sind also diejenigen, die Barockmusik bereits mögen und unbekanntes, manchmal überraschendes neues Material hören möchten. Wer mehr über diese Musik lernen möchte, die Zeit und den gesellschaftlichen Kontext, in dem sie entstand, der findet sich woanders viel besser bedient. Studenten prozeduraler Generierung haben ebenfalls nicht viel zu entdecken, da ausschließlich der Output zugänglich gemacht wird, nicht der Kompositionsprozess an sich.

Auch die Verwendung der gefloppten 3DO-Konsole könnte man als Zeichen werten, dass Microprose hiermit neue Zielgruppen erschließen wollte. Schließlich nahm man zu der Zeit an, dieses System werde die Wohnzimmer erobern, anstatt im Büro zu vergammeln oder im Kinderzimmer versteckt zu werden. Der Mangel expliziter Spielelemente mag in diesem Kontext Sinn ergeben. Doch wahrscheinlicher ist wohl, dass Super-Geek Meier einfach eine technisch motiviert Wahl traf. IBM PCs waren zu der Zeit im besten Fall gerade mal mit einem Soundblaster ausgestattet, also einem 8-Bit-Mono-Chip. Amiga und Atari ST waren tot. Was blieb also, um eine halbwegs akzeptable Musikgenerierung zu ermöglichen?

So oder so vermarktete Microprose in den folgenden Jahren Meiers Namen weiter auf von Civilization abgeleiteten Spielen, die tatsächlich andere designten. Jene waren wieder höchst unterhaltsam, aber der Mut, hiermit mal etwas völlig anderes zu versuchen, verdient schon Respekt.

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