The Chaos Engine 2
für Amiga (AGA)

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Mr Creosote:
Firma: Bitmap Brothers
Jahr: 1996
Genre: Action
Thema: Multiplayer / Science Fiction
Sprache: English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 27540
Rezension von Mr Creosote (31.07.2021)
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Der Nachfolger zu einem der meistgeliebten Amigaspiele wurde bereits Anfang 1995 angekündigt. Danach zogen allerdings noch zwei weitere Jahre ins Land vor der tatsächlichen Veröffentlichung. Es regnete Topwertungen in den verbliebenen Fachzeitschriften. Kaum überraschend, denn Ende 1996/Anfang 1997 waren die wenigen Amigauser ausgehungert und stürzten sich willens auf so ziemlich alles… wenn noch ein klangvoller Name daranhing, desto besser, oder? Wobei die Zeichen einer übereilten Veröffentlichung ohne den letzten Feinschliff schon deutlich waren und sind.

Chaos Engine 2 stellt das Spielprinzip seines Vorgängers auf den Kopf. Die völlig unverständliche Hintergrundgeschichte erzählt irgendwie davon, dass nach der Zerstörung der Maschine im ersten Teil die zwei Söldner nun entweder in der Zeit zurückreisen oder in der Maschine gefangen sind, die andererseits auch irgendwie beschädigt ist, da der Baron sie wohl irgendwie wieder zusammenflicken muss… Jeder Versuch, einen kohärenten Sinn in den drei Absätzen der Anleitung zu entdecken, ist zum Scheitern verurteilt. Auf jeden Fall ist das alles mehr oder weniger Vorwand dafür, zwei Spieler (von denen einer vom Computer übernommen werden kann) aufeinander loszulassen.

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Alles klar?

Der Baron persönlich erklärt den Weg durch die Levels. Meist müssen unterwegs Maschinenteile eingesammelt, Schalter umgelegt und Schlüssel verwendet werden. Für solcherlei Aktionen, sowie dem Niederballern von Monstern oder dem anderen Spieler, vergibt der Baron am Ende jeden Levels Punkte. Es gewinnt damit nicht etwa notwendigerweise derjenige, der es zuerst zum Ausgang schafft. Die Levels sind kurz und actionreich. Wenige Minuten sitzt man maximal an einem. Dadurch wirken sich die eher unklaren Missionsbeschreibungen nicht so schlimm aus und es stellt außerdem sicher, dass die Konkurrenten in gegenseitig erreichbarer Nähe zueinander bleiben, was den Duellcharakter verstärkt.

Dass man den anderen Spieler abschießen und schlagen kann, betont den Wettbewerbsgedanken. Leben verliert man dadurch zwar nicht, doch wenn die Energie auf Null fällt, bricht man für ein paar Sekunden zusammen, bevor man wieder aufsteht. Genug Zeit für den Gegner, wertvolle Gegenstände zu stibitzen. Der Eindruck der ständig fließenden Action wird darüber hinaus durch ein paar neue Aktionsmöglichkeiten verstärkt. So kann man beispielsweise von Plateaus hinabspringen oder an Wänden Schutz suchen. Letzteres ist gelinde gesagt ziemlich nutzlos, sieht aber echt cool aus.

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Faustkampf!

Als Spielkonzept wirkt dies Alles in Allem recht durchdacht. Die offensichtliche Taktik, einfach am Levelausgang zu warten, während der Konkurrent die Drecksarbeit erledigt, und ihn dann dort hinterrücks zu überfallen, den Schlüssel zu schnappen und als erster zu entkommen, wird effektiv verhindert. Anfangs mag man derart noch durchkommen, aber die Punktzahlen bleiben damit niedrig und somit bekommt man nur geringe Möglichkeiten zur Verbesserung der Spielfigur und ihrer Ausrüstung. Wer sich vor Herausforderungen drückt, steht in späteren Leveln ganz schön nackt da. Abgesehen von den direkten Zwischenaufgaben muss auch noch die begrenzte Munition immer wieder schön aufgefüllt werden. Zwar gibt es in jedem Level unbegrenzt viel auszusammeln, aber nur an bestimmten Plätzen, und ein solcher Umweg ist nur selten angebracht. Doch jenseits all dieser konzeptuellen Überlegungen zeigt Chaos Engine 2 leider drei große Schwächen.

Erstens mangelt es an Spielbalance. Die recht hektische Action lässt kaum Raum für eine Entscheidung des Duells auf Basis von Können. Alles geschieht derart schnell, dass leider Glück der bestimmende Erfolgsfaktor ist. Nimmt man die richtige Abzweigung (natürlich ohne wirklich sinnvolle Übersichtskarte)? Vermeidet man Überfälle durch Monster auf dem sehr klein geratenen Splitscreen? Nur vier der ursprünglichen sechs Charaktere sind übrig und sie unterscheiden sich merklich, allerdings ist die klar wichtigste Eigenschaft nicht etwas Stärke oder Feuerkraft, sondern Schnelligkeit.

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Cooler sprite, aber… warum?

Zweitens fehlt die Kohärenz. Diesbezüglich muss man nicht einmal zum wirren Plot schauen. Wozu diese Bosskämpfe im Einzelspielermodus? Die sehen gut aus, klar, aber spielerisch bieten sie nichts über die üblichen Ballerspielbosse hinaus: irgendwo haben sie eine offensichtliche Schwäche in ihren Bewegungs- und Angriffsmustern, die es zu finden und auszunutzen gilt.

Drittens hat die Produktionsqualität seit dem ersten Teil gelitten. Grafikbausteine wurden zwar weiterverwendet (teilweise neu angepinselt; so sind die Riesenhände beispielsweise jetzt blau…), aber die durchdachte Zusammenstellung, die den Vorgänger noch so besonders machte, ist nicht sichtbar. Seltsame Farbgebung, vollständig vergessenswerte Dudelmusik und spärliche Soundeffekte bilden einen Gesamteindruck, der sich kilometerweit unter dem diesbezüglich geradezu genialen Vorgänger befindet. Selbst auf der technischen Metaebene hinterlassen die endlosen Ladezeiten einen schlechten Eindruck – spielt man von Disketten, übersteigen sie die effektive Spielzeit!

Alles in Allem hat also wohl der Fluch des Todes des kommerziellen Amigas zugeschlagen. Das Spiel wirkt unfertig, es riecht unangenehm nach Prototyp. Der Versuch, einen Nachfolger zu produzieren, der nicht einfach nur den Vorgänger wiederholt, ist wertzuschätzen. Doch angesichts des schwindenden Marktes musste das Spiel wohl raus und der Aufwand, es konzeptuell wirklich zum Funktionieren zu bringen, wäre zu groß gewesen. Es bleibt also die Idee eines Zweispielerduells, mit schneller Action, aber implementiert nur bis zum Status eines Grobentwurfs. Voller Levels, die per Baukasten zusammengesetzt keinen großen Qualitätsanforderungen genügen und wenig Abwechslung bieten. Das Spiel ist nicht schrecklich, aber bei diesem Namen hatte man wirklich mehr erwartet.

Archivierte Rezension(en) ↓

Rezension von Mr Creosote (04.09.2002)
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Chaos Engine - Der Inbegriff eines Amigaspiels. Herausgebraucht von der Amiga-Firma. Der immens beliebte erste Teil fand seinen Weg sogar mehr als ein Jahr später auf den PC. Aber danach herrschte nur große Stille.

Sprung ins Jahr 1996. Commodore ist schon lange pleite, böse Zungen erklären den Amiga bereits vor zwei Jahren für tot. Ein paar der Traditionsunternehmen halten immer noch die Fahne hoch und entwickeln für dieses System. Darunter natürlich die Bitmap Brothers. Chaos Engine 2 - ein exklusives (und wiederum typisches) Amigaprodukt.

Die Meisten werden wahrscheinlich noch nie von diesem Spiel gehört haben, und wer den ersten Teil kennt, sollte seine Erwartungen jetzt schnell herunterschrauben. Chaos Engine 2 ist nicht der Nachfolger, den man sich erträumt hat. Es ist auch nicht einfach das selbe Spiel mit neuen Leveln, neuen Mostern und neuen Charakteren. Das wäre ja auch unter dem Bitmap-Niveau gewesen. Es gibt immer noch Söldner, und einen davon steuert man. Auch läuft da weiterhin ein zweiter im selben Level herum, und dieser kann (und sollte, denn so ist das Spiel eigentlich gedacht) von einem weiteren Menschen übernommen werden. Der Unterschied: Die beiden sind kein Team mehr, sondern Gegner. Statt freundlicher Zusammenarbeit ist es ein tödlicher Wettstreit.

Anders als in sogenannten „3D-Shootern“ geht es aber nicht primär darum, den anderen Spieler zu töten. Das kann man natürlich machen, aber es wirft den Gegner nur zeitlich zurück, denn ein paar Sekunden später wird er automatisch wieder auferstehen. Am Anfang jedes Levels gibt es eine kurze Einführung (die seltsamerweise von dem Typen, den man am Ende von Chaos Engine „befreit“ hat, gegeben wird), in der die Aufgabe erläutert wird. Meist geht es darum, Schlüssel zu finden, Schalter zu aktivieren usw. Alles mit einem Ziel: Als Erster das Level wieder zu verlassen, denn dann hat man gewonnen.

Handelt es sich also um eine Art Sport? Steckt mehr dahinter? Keine Ahnung. Kommen wir stattdessen zu den Leveln. Sie sind weitesgehend gut designed, und bestehen aus mehreren Ebenen, Wänden, Hallen, Türen und „neutralen“ Robotern, die einfach jeden Spieler angreifen, den sie zu Gesicht bekommen. Beide Söldner haben immer die gleiche Chance, da ihre Startpositionen symmetrisch ausgelegt sind. Negativ macht sich (im gesamten Spiel) bemerkbar, dass die Level einfach viel zu kurz sind. Eines dauert selten länger als ein paar wenige Minuten, und die sind dann extrem hektisch. Und das ist nicht die positive Art von Hektik.

Die geringe Größe der Level stellt immerhin sicher, dass kein Spiele vollkommen chancenlos „abgehängt“ werden kann. Das ist wiederum gut, denn wie viel Spaß würde es wohl machen, minutenlang hinter jemandem herzulaufen, ohne die geringste Chance, ihn noch einzuholen? So wie es ist sind die Gegner andererseits häufig dermaßen dicht zusammen, dass es reines Glück ist, wer nun gewinnt. Grund: Der Ausgang ist meist eine verschlossene Tür (oder etwas Entsprechendes). Ein Spieler besorgt sich den Schlüssel, der andere ihm dicht auf den Fersen, um ihm den Schlüssel noch wieder abzujagen. So wechselt durch gegenseitiges Morden der Schlüssel immer wieder und wieder die Hände. Soweit, so gut, doch dann öffnet ein Spieler tatsächlich die Tür. Was passiert? Sein Gegner erschießt ihn von hinten und rennt schnell selbst nach draußen - und ist damit der Sieger! Das passiert tatsächlich, und leider viel zu häufig. Bliebe ein getroffener Söldner etwas länger bewegungslos (und wenn es nur zwei oder drei Sekunden wären), wäre es deutlich fairer.

So schwierig einem das Eingeständnis auch fallen mag: Chaos Engine 2 kann mit seinem Vorgänger nicht mithalten. Teamwork liegt mir ohnehin mehr als meinen Mitspieler umzubringen. Und dann diese inhärenten Schwächen! Es macht eine Zeit lang tatsächlich Spaß, aber es ist einfach nicht die Herausforderung, die man erwartet hätte. Bitte probiert es aus, aber erwartet kein Meisterwerk.

Schlussendlich noch ein paar wichtige technische Anmerkungen: Obwohl es möglich ist, das Spiel von (virtuellen) Disketten zu spielen, ist davon dringend abzuraten. Die Ladevorgänge brauchen einfach Stunden. Und das nicht nur bei ersten Booten, sondern auch mehrere Minuten jeweils zwischen jedem Level - und da die hochverehrte Leserschaft nun weiß, wie lange ein Level aktiv dauert, ist die Korrelation klar: Mehr laden als spielen.

Die Lösung: Das Spiel auf Festplatte installieren. Chaos Engine 2 hat kein eigenes Installationsprogramm, aber es geht über WHDLoad. Während der Installation muss die Version (AGA oder ECS) des Spiels angegeben werden. Also ehrlich - wer hat schon 1996 noch von Disketten gespielt?

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