Red Baron
für PC (DOS)

rb-box.jpg
Adhoc:Herr M.:Gesamt:
4.5/6
Besucherwertung:
5/6
Firma: Dynamix
Jahr: 1990
Genre: Simulation
Thema: Fliegen / Historisch / Krieg
Sprache: English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 36661
Rezension von Herr M. (02.08.2014)
Avatar

Mit dem Aufkeimen neuer Technologien geht oft eine Zeit der Innovationen einher, eine Zeit zu der sich Pioniere daran machen das Potential der neuesten Erfindungen auszuloten. Red Baron ist in dieser Hinsicht insofern bemerkenswert, da es nicht nur von der Frühzeit einer neuen Art von Kriegsführung handelt, sondern auch selbst einer der ersten dezidierten Kampf-Flugsimulatoren für den Heimrechner war. Und damit half es dabei mit die Grundlagen des Genres festzulegen, genau so wie das die darin vorkommenden historischen Doppeldecker für den Luftkampf getan hatten. Dies kann man als eine recht passende Kombination erachten, die dem Spiel einen zeitlosen Anreiz verleiht: In diese blockige 3D Welt mit simpler Flugphysik einzutauchen hat ein wenig etwas mit dem Abheben in einer abstiegsgefährdeten fliegenden Kisten des ersten Weltkriegs gemein. Aber werfen wir doch einmal einen Blick darauf, wie das zum Vor- bzw. Nachteil des Spiels gereicht und was sonst noch zum Kultstatus des Spiels beigetragen hat.

Das, was einem beim Einstieg ins Cockpit seines Fliegers wohl als allererstes ins Auge springt, ist wie simpel alles gestrickt ist: Die Instrumente zeigen gerade mal das absolute Minimum an, wie den Öldruck, Treibstoff, Kurs und Fluggeschwindigkeit. Die Steuerung des Flugzeugs beschränkt sich auf links und rechts abdrehen, nach unten oder oben ziehen und die Drehzahl des Motors einstellen. Die einzige Angriffsmöglichkeit, die man hat, sind ein oder zwei Maschinengewehre, die ohne Munitionsanzeige auskommen, dafür aber gerne mal in kritischen Momenten Ladehemmungen haben. Das war es dann schon, der Rest, wie Navigation, das Erspähen von Feinden und auf diese zu zielen, sowie den Überblick über den Missionsstatus zu behalten, ist dem Spieler selbst überlassen. Zum Glück sind die Aufträge aber selten sonderlich kompliziert – ob nun aufgrund technischer Beschränkungen oder wegen eines cleveren Entwurfs – und das eigentliche Spiel konzentriert sich stets auf die Luftkämpfe, ohne dass man von einer Flut von überflüssigen Informationen erschlagen würde oder zigtausend Parameter im Auge behalten müsste.

Dies hat allerdings auch seinen Preis: Die Welt selbst bleibt dabei nämlich relativ leer. Man kann zwar ein paar Landmarken ausmachen (am deutlichsten sind dabei die Schützengräben oder größere Städte), diese sind aber nur auf den Boden aufgemalt, so dass man ihnen so nahe kommen kann wie man will, sie werden stets ein paar eingefärbte Quadrate und Linien bleiben. Wenn man Glück hat entdeckt man vielleicht noch einen Zug, der durch die Gegend fährt, aber fast alle tatsächlich aktiven Objekte befinden sich oben im Luftraum. Doch auch dieser ist nicht übermäßig überfüllt, da man in einer Mission höchstens auf um die 10 Flugzeuge trifft. Und selbst die kommen immer nur in Vierer-Geschwadern daher. Da sich die Luftgefechte allerdings recht tödlich gestalten können ist das aber vielleicht nicht einmal so verkehrt.

Wo wir gerade von Tödlichkeit sprechen: Je nachdem wie man den Realitätsgrad einstellt können die Kämpfe von Kinderspiel bis zur alptraumgleichen Achterbahnfahrt reichen. Außer den üblichen Verdächtigen wie Handhabung der Flieger und Können der gegnerischen KI-Piloten kann man auch solche Dinge wie unendliche Munition oder Treibstoff, Kollisionen, Ladehemmungen oder auch gleich jegliche Art von Schaden an- und ausschalten. Das ganze gleicht ein wenig einem integrierten Schummelmodus, der einem den Schwierigkeitsgrad genau nach Gusto einstellen lässt und damit für eine sehr glatte Lernkurve sorgt. Sollte man sich beispielsweise unsicher sein, ob man die Längsseite eines Zeppelins treffen kann, stellt man einfach die Unverwundbarkeit ein und nimmt sich Zeit zum Zielen. Wird einem das Abschießen eines Geschwaders nach dem anderen zu Öde, kann man ja mal die Munition beschränken, damit auch wirklich jede Kugel zählt, oder man sich mal auf die Flügelmänner verlassen muss.

Die Auswahlmöglichkeiten beschränken sich allerdings nicht nur auf die Genauigkeit der Simulation: Man kann aus 17 Flugzeugen auswählen (die von recht bescheidenen Aufklärern bis zum vollwertigen Kampfflugzeug reichen) mit denen man 8 Arten von Missionen bestreiten kann. Im Grunde genommen lassen sich die Aufträge dabei in eine von drei Kategorien einteilen: Aufklärung, Eskorte/Verteidigung und Angriff. Die Art der Ziele sorgt dabei allerdings für ein wenig Abwechslung. Einen stationären Ballon, der durch schwere Flak-Geschütze verteidigt wird, anzugreifen ist zum Beispiel etwas anderes als einen wendigen Flieger abzuschießen, oder sich gar an einem der träge dahintreibenden, dafür aber schwerst bewaffneten, Zeppeline zu versuchen. Auf der anderen Seite ist es wesentlich leichter seine Gegner vom Angriff auf ein flüchtendes Flugzeug als von jenem auf ein stationäres Ziel abzuhalten. Neben diesen standardisierten Missionen kann man sich außerdem noch an nachgestellten historischen Situationen oder am Zweikampf mit einem der Topasse versuchen.

Besagte Asse nehmen in diesem Spiel eine wichtige Rolle ein und geben dem ganzen ein wenig Würze. Neben dem namensgebenden Manfred von Richthofen trifft man auf ca. 20 weitere Spitzenpiloten. Jedem von ihnen wurde einen kurze Biographie und ein Schaukasten für seine(n) persönlichen Flieger gewidmet. Zudem besteht die Möglichkeit sie zu Duellen herauszufordern. Auch wenn letzteres zugegebenermaßen nicht ganz den Erwartungen gerecht wird, da sich diese von den normalen Luftkämpfen kaum unterscheiden, außer dass eines der Flugzeuge leicht anders eingefärbt ist und ein wenig aggressiver fliegt, sind die geschichtlichen Daten doch recht informativ und geben den Gegnern fast soetwas wie Charakter.

Außerdem kann man sich ihnen anschließen indem man seine eigene Karriere im Kampagnen-Modus startet. Diese reiht rund 40 Missionen aneinander und zeichnet dabei einen Gesamtpunktestand zusammen mit der Anzahl der Siege (d.h. Abschüsse) auf. Wo ersteres eigentlich vernachlässigbar ist (hauptsächlich beschränkt es sich auf Prahlen mit Höchstpunktezahlen im High Score) bestimmt zweiteres Auszeichnungen und Beförderungen. Bei bestimmten Schwellwerten erhält man Orden oder einen neuen Dienstgrad. Am wichtigsten sind dabei der fünfte, bei dem man zum Ass ernannt wird und Einladungen erhält sich speziellen Geschwadern anzuschließen, und der dreiundzwanzigste Abschuss, durch den man zum Captain/Rittmeister befördert wird und nicht nur die Missionsparameter selbst einstellen darf, sondern auch sein eigenes Flugzeug erhält, dessen Rumpf und Flügel man jeweils eine von acht Farben verleihen kann um ihm ein individuelles Aussehen zu verleihen.

Man kann entweder dem Royal Flying Corps oder den Luftstreitkräften beitreten. Neben ein paar rein oberflächlichen Änderungen, wie Namen oder Hintergrundbilder, hat das einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf zwei Dinge: Erstens fliegt man auf der britisch-französischen Seite der Grenze wesentlich mehr defensive Missionen. Insbesondere die Zeppeline tauchen nur im Luftraum über England auf. Und zweitens haben beide Seiten ihre ganz eigenen Vorzüge, wobei dennoch niemand ständig die Oberhand behält.

Am offensichtlichsten sind dabei bestimmte Phasen des Krieges, bei denen neue Flugzeuge eingeführt werden, die das Gleichgewicht durcheinander bringen. Zum Beispiel fliegt man den Fokker Eindecker (schlechtester deutscher Flieger) um einiges länger als die Morane Bullet (französisches Äquivalent), was die Anfangsphase auf deutscher Seite deutlich schwieriger gestaltet. Anderseits dürfte der Fokker D.VII so ziemlich das beste Flugzeug im ganzen Spiel sein. Außerdem ist er deutlich früher erhältlich als das Sopwith Snipe, das man während einer Kampagne nur in den letzten beiden Missionen fliegen kann. Weiters sind die britischen Kampfflieger (mit ihrem dunkelgrün auf grünen Boden) je nach Wetterlage schwerer zu erkennen als die deutschen oder französischen. Dafür haben so gut wie alle deutschen Maschinen zwei Maschinengewehre anstatt nur einer (was besonders bei limitierter Munition einen erheblichen Unterschied ausmacht).

Abgesehen von diesen Details spielen sich die Kampagnen aber ziemlich gleich und man ist einer Reihe von Wiederholungen ausgesetzt. Leider scheinen die Missionen außerdem keinen Einfluss auf den Kriegsverlauf zu haben. Ob man seine Aufgaben nun erfüllt oder nicht, wie viele Männer man dabei auch verlieren mag: Die nächste Mission schaut immer gleich aus. Außer man wird abgeschossen und landet im Lazaret/Gefangenenlager bzw. stirbt. Aber selbst dann muss man nur ein paar Monate aussetzen (gesetzt dem Fall man überlebt es), was zudem einfach vermieden werden kann, indem man einen gespeicherten Charakter wiederherstellt.

Wer über den Fortschritt seines Charakters außer durch die im Pilotendossier befindlichen Statistiken den Überblick bewahren will, oder meint die nächste Mission sei aus dem ein oder anderen Grund besonders denkwürdig, der kann den Missionsrekorder des Spiels anwerfen. Jedes mal wenn man sich daran macht abzuheben wird man gefragt ob man den Flug auf “Band” aufzeichnen will (was manchmal auch ein wenig nervtötend sein kann). Sagt man ja, kann man später seine Flugkünsten im virtuellen Projektorraum bewundern. Neben der Möglichkeit so gut wie alle Objekte von jedem erdenklichen Winkel zu betrachten, hat man auch jederzeit die Möglichkeit in die Simulation einzusteigen und von dort weiterzuspielen, was eigentlich eine recht praktische Funktion ist, die besonders beim Üben für bestimmte Situationen nützlich sein kann.

So weit so technisch, aber was ist es nun, dass einem dazu veranlassen sollte seine Missionen aufzeichnen zu wollen bzw. den Krieg bis zum Waffenstillstand durchzustehen? Der Hauptgrund dafür dürfte wohl sein, dass Red Baron genau richtige Maß an Herausforderung zu bieten hat. Mit seiner Maschine abzuheben und die ersten paar Gegner zu Boden zu schicken ist schnell erlernt, dafür braucht man nicht einmal ins Handbuch zu schauen (das trotzdem wegen all der darin enthaltenen geschichtlichen Abhandlungen über jene Ära äußerst empfehlenswert ist). Gegen ein ganzes Geschwader an gegnerischen Jägern im Alleingang anzutreten, während man Flakfeuer ausweicht und versucht zu diesen lästigen Ballons vorzudringen, setzt allerdings einiges an Übung voraus.

Übung die man mit einer sehr flexiblen Lernkurve verbringt, die man wie gesagt nach Herzenslust anpassen kann. Selbst wenn die Aufträge mit der Zeit ein wenig monoton werden versucht das Spiel sein bestes zu geben einem auf Trab zu halten. Und genau das ist es, was einem immer wieder zu ihm zurückkehren lässt. Die atemberaubende Grafik, an der inzwischen schon der Zahn der Zeit nagt (auch wenn sie immer noch ihren Zweck erfüllt), kann man genauso links liegen lassen wie den mickrigen Sound oder die kaum vorhandene Musik. Was diesen Simulator so gut macht ist die Anpassungsfähigkeit, die Art und Weise wie man den Realismus genau so einstellen kann wie man ihn braucht, wobei alles dennoch überschaubar genug bleibt, dass man keinen Doktortitel braucht um diese Einstellungen zu verstehen.

Dazu kommt noch das recht einzigartige Szenario, das geradezu perfekt zu der damaligen Rechnerleistungen passt, und mit genau der richtigen Menge an geschichtlichen Leckerbissen daherkommt, und schon hat man ein Spiel, das ohne mit der Wimper zu zucken 4 von 6 seiner Konkurrenten aus dem Himmel fegt.

Archivierte Rezension(en) ↓

Rezension von Adhoc (18.03.2001)
Avatar Die Originalrezension ist archiviert worden. Dieser Eintrag nur noch buchhalterischen Zwecken.

Kommentare (1) [Kommentar schreiben]

[Antworten]

Quiz