A Golden Wake
für PC (Linux)

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Mr Creosote:
Firma: Grundislav Games / Wadjet Eye Games
Jahr: 2014
Genre: Adventure
Thema: Geschäftswelt / Historisch / Polizei & Verbrecher
Sprache: English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 704
Rezension von Mr Creosote (11.11.2023)
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Nicht belegte die Relevanz des Adventure Game Studios so sehr, wie das Auftauchen kommerzieller Spiele auf Basis dieser Engine. Spiele kommerziellen Umfangs und Produktionsqualität. Selbst wenn sie, wie im Fall von A Golden Wake, grafisch „old-school“ blieben. Doch ist die Hälfte des Reizes im Genre der Grafikadventure nicht ohnehin die Nostalgie nach besseren, längst vergangenen Tagen?

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Dazu passend spielt auch die Geschichte vor ungefähr 100 Jahren. Sie ist angesiedelt in unserer Welt und erzählt angeblich eine „wahre Begebenheit“ nach. Unser Protagonist ist ein Karrierestreber, der sich auf dem florierenden Immobilienmarkt Floridas bewähren möchte. Was interessanter werden könnte, als es vielleicht auf den ersten Blick klingt, denn zu der Zeit befand sich die Region in einem ungekannten Boom. Ganze Städte wurden von großen Investoren aus dem Boden gestampft. Im Kern ist die Ambition hier also nicht weniger als eine Reflektion waghalsigen Strebens, als Spiegel der modernen Gesellschaft. Eine Geschichte, die Jahrzehnte umfasst, und den klassischen Bogen von Aufstieg, Fall und Erlösung beschreitet.

Der Weg dahin führt durch mehrere kleine Episoden mit (manchmal großen) Zeitsprüngen dazwischen. Um es kurz zu illustrieren: Nach einem kurzen Einführungskapitel muss der Spieler einen Weg finden, beim größten Investor der Region angestellt zu werden. Schnitt, drei Jahre später. Der Protagonist wird von seinem Chef bei einer wichtigen Beförderung übergangen. Voll bitter verletzten Stolzes tritt er in den Dienst der Mafia.

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Die Implikation ist natürlich, dass der Protagonist in der Zwischenzeit hart und loyal gearbeitet, seinen Wert bewiesen hat. Er ist überzeugt, die neue Position verdient zu haben. Für ihn bricht eine Welt zusammen, wenn der Name seines Konkurrenten stattdessen fällt. Die gefühlte Erniedrigung treibt ihn in die Arme des Verbrechens. Im Kopf des Autoren war dies wohl kristallklar. Nur zeigt er all das im Spiel nicht.

Aus Sicht des Spielers geschieht all das direkt hintereinander. Kognitiv ist es nachvollziehbar, doch die intendierte emotionale Gravitas kommt überhaupt nicht rüber. Was noch dadurch unterstützt wird, dass der Protagonist alle Entscheidungen größerer Tragweite ohnehin selbst trifft, ohne dass dem Spieler Gelegenheit gegeben wird, sie zu beeinflussen. Wenn nicht ohnehin der Charakter, der formell die Rolle des Protagonisten einnehmen sollte, von anderen an die Wand gedrückt wird. Was im Schlüsselszenen ebenfalls wiederholt geschieht.

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Ähnlich machtlos bleibt man spielerisch. Nach etwa der Hälfte des Spiels merkt der Protagonist verbittert an, er sei ohnehin nichts weiter als ein Laufjunge für die wahren Entscheider dieser Geschichte. Ein Zeichen des Frusts und der Entfremdung des Charakters. Nur wird genau diese Rolle eben auch auf den Spieler abgebildet. Die Aktivitäten bestehen darin, das zu tun, was andere einem auftragen. Zuerst ein Heuschreckenkapitalist fraglicher Moral. Der die Konkurrenz mit illegalen Methoden aus dem Geschäft drängt und Landbesitzer mit Betrug um ihren Besitz bringt. Später ein schwitziger Mafiaboss, indem man alten Damen Morddrohungen macht, einen harmlosen Bargast unter Drogen setzt und ausraubt usw.

Das Spiel ist dabei nicht smart genug, dies ausreichend zu reflektieren. Der Protagonist ist ein Botenjunge, also auch der Spieler. Das ist jedoch kein inhärent interessantes Spielprinzip. Bring dieser Person diesen Gegenstand. Sprich solange mit diesem Charakter, bis alle Optionen durch sind. Die Multiple-Choice-Gespräche, in denen es darauf ankommt, visuelle Hinweise im Bild zu deuten, um die richtigen Aussagen zu treffen, und damit andere von etwas zu überzeugen, sind da noch der interessanteste Teil des Spiels. Doch selbst wenn einem das nicht gelingt, hat das Spiel nicht den Mut einen endgültig scheitern zu lassen. Immer bietet es dann offensichtliche Kompensationsalternativen.

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Gleichermaßen bleiben Charaktere und Themen blass. Man mag unterwegs denken, hier werde eine Parallele zwischen den Landinvestoren und der Mafia aufgebaut. Beide seien zwei Seiten der gleichen Medaille. Beide seien irgendwie tragende Säulen des „amerikanischen Traums“. Aber, nein. Ein solcher Kommentar bleibt aus. Was auf der Oberfläche passiert, ist das, was das Spiel einem vermitteln möchte. Auf seine unbeholfene Weise.

Leider bleibt der Eindruck, dass der Autor sich für sein erstes Spiel dieser Länge zu viel vorgenommen hat. Gefährliche Klippen hat er schon umschifft, und entsprechend des heutigen Zeitgeistes ist das Spiel sehr einfach. Doch das groß angelegte Narrativ, die gesellschaftliche Relevanz oder Charakterstudie, die allesamt in dem Material drinstecken, erreicht er niemals.

Als Amateurspiel eines Hobbyentwicklers wäre A Golden Wake gut. Als kommerzielle Veröffentlichung ist es unspektakulär, schwunglos, bestenfalls Mittelmaß. Es beleidigt nicht, doch weder die Geschichte, die Charaktere oder die Rätsel sind ausreichend durchdacht. Revolutionär muss nicht jedes Spiel sein, doch dieses sticht leider in keinster Weise hervor.

Kommentare (1) [Kommentar schreiben]

Mr Creosote:
Wie die Zeit vergeht. A Golden Wake ist jetzt schon beinahe zehn Jahre alt. Für mich ist es ein Neuerwerb. Sich von dem Druck, etwas „schnell“, als bald nach Veröffentlichung zu konsumieren, zu entkoppeln, hat so einige Vorteile. Beispielsweise kann man dadurch Sonderangebote wahrnehmen. Was natürlich heutzutage wiederum Ausmaße annimmt, die zu den berüchtigen „Piles of Shame“ führen. Und so einigen Spiele in die Sammlung Einlass gewährt, die ehrlich gesagt nicht so toll sind.
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