Martian Memorandum
für PC (DOS)

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Mr Creosote:
Firma: Access Software
Jahr: 1991
Genre: Adventure
Thema: Apokalypse / Sonstige Fantasy / Krimi / Science Fiction
Sprache: English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 1173
Rezension von Mr Creosote (25.03.2023)
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Tex Murphy, Retro-Noir-Detektiv der Zukunft, kehrt aus Mean Streets zurück. Desilllusioniert von der postnuklearen Welt, aber trotzdem braucht er natürlich Geld. Welch' glückliche Fügung, dass die Tochter eines stinkreichen Industriellen entführt wurde. Die Bösewichte haben außerdem „etwas anderes“ mitgehen lassen. Zu geheim, als dass die sinistre Stimme der schattenhaften Figur es Tex sagen könnte. Ooooh, mysteriös…

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Atmosphärischer Anfang

Natürlich assoziiert heutzutage jeder Tex Murphy mit seinen späteren Fällen, die komplett aus digitalisierten Videos bestanden. Doch schon Martian Memorandum nannte sich „Multimedia“. Wie bereits beim letzten Mal tönen manche Dialoge aus den Lautsprechern. Die Charaktere sind digitalisierte echte Menschen, die sich während Unterhaltungen in zweisekündigen Videoschnippseln bewegen. Wow, das klappte Kinnladen herunter im Jahr 1989 bzw. 1991!

Leider ist diese Seite des Spiels allerdings am schlechtesten gealtert. Die Grafik ist besonders verwaschen, Details kaum jemals auszumachen. Selbst die Sprites sind nun digitalisierte Schauspieler, die sich besonders ruckelig durch handgepixelte Hintergründe bewegen. Die beiden Stile wollen einfach nicht zusammenpassen. Soundtechnisch bleibt besonders das nervige Klappern der Schuhe hängen, sowie das zeittypische Rauschen, das jedes gesprochene Wort begleitet.

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Ernsthafte Detektivarbeit

Die gestrige Sensation zieht also nicht mehr. So muss man sich auf Spielprinzip und Plot konzentrieren. Anders als der Vorgänger zeigt sich dieses Spiel also reines Adventure ohne größere Action- oder Simulationsabschnitte. Einmal muss man Lasern ausweichen, einmal durch Treibsand waten.

Die Hauptaktivitäten drehen sich also um die Klassiker der Detektivarbeit. Man durchsucht den Tatort (und andere Orte). Dort haut die optische Unschärfe leider voll rein. Ein besonders schöner Moment lässt einen durch die gegenüberliegenden Fenster der anderen Straßenseite lugen. Die meiste Spielzeit geht jedoch mit dem Befragen von Zeugen und Informanten drauf.

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Bien sur, mon ami !

Dabei wird das Spiel jedoch, zumindest nach meinen heutigen Maßstäben, ziemlich mühsam. Diese verquatschten Adventures sind einfach nichts mehr für mich. Zweierlei misslingt es dem Spiel, die Dialoge interessant zu gestalten. Erstens sollte Information die Hauptwährung eines Detektivadventures sein. Es sollte darum gehen, Leute dazu zu bringen, etwas zu verraten, was sie eigentlich geheimhalten wollten. Informationen zu tauschen. Kleine Schnipsel zusammenzusetzen. Doch nichts davon findet hier statt. Stattdessen bestehen die Dialogszenen aus dem Suchen des einen Astes, der die Geschichte voranbringen wird, worauf es allerdings kaum Hinweise gibt. Wählt man eine falsche Abzweigung, ist das Spiel nicht vorbei. Man kann es immer und immer wieder versuchen. Doch damit geht natürlich die Immersion flöten, denn es bedeutet, dass die Charaktere keinerlei Gedächtnis haben.

An der Albernheit der ultra-clichéhaften Personen zerschellt schließlich die ansonsten eventuell noch übrige Immersion. Ein Franzose mit einer Baskenmütze ist da noch nicht einmal der Bodensatz. Überdrehte Gesichtsausdrücke und entsprechende Stimmen könnte man in diesem Kontext wahrscheinlich sogar als angemessen bezeichnen, doch weniger irritierend werden sie dadurch nicht.

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Endlich auf dem Mars!

Doch immerhin ergibt sich mit der Zeit ein schlüssiges Bild. Am Ende wartet selbstverständlich der Comicbösewicht, der einem haarklein nochmal seinen großen Plan erzählt, so dass ausreichend Zeit bleibt, sich doch noch schnell zu befreien. Wie bereits im Vorgänger handelt es sich hier nicht um tatsächlichen Noir, sondern das Spiel benutzt nur die Tropen des Genres als Fundament für doofe Scherze. Als Satire geht es aber trotzdem nicht durch. Stattdessen bedient es sich der Strategie, möglich viel willkürliche Versatzstücke dem Spieler entgegenzuwerfen, und zu hoffen, dass irgendwas schon hängenbleiben wird. In diesem Sinne überrascht es nicht, dass Tex schließlich auf den Mars reist, wo es dann irgendwie um die wirtschaftliche Ausbeutung natürlicher Ressourcen geht. Schließlich war im vorigen Sommer Total Recall der große Hit in den Kinos gewesen. Billige Anbiederung, aber wohl marketingtechnisch klug. Mit bitterem Nachgeschmack.

Martian Memorandum kommt als einigermaßen kalkuliertes Stück Antikunst rüber. Als ob wirklich niemand mit dem Herzen dabei gewesen wäre. Es spielt sich ganz ok, bleibt aber die ganze Zeit über mechanisch. Die länglichen Pixelsuchpassagen und Trial-&-Error-Abschnitte zerstören jegliches Erzähltempo. Obwohl es seinerzeit als hochmoderne „Multimedia“ gedacht war, funktioniert die Erzählung immer dann noch am besten, wenn einfach lange Kapiteleinführungen als nicht-interaktiver Text ausgegeben werden. Oder aber bei den trockenen Bemerkungen Tex', wenn er seine Umgebung untersucht. Was einer gewissen Ironie nicht entbehrt in einem Spiel, das in seiner Zeit technisch so weit vorne mitspielte. Doch immerhin können wir etwas daraus lernen. Unter der glitzernden Oberfläche findet sich immer ein zeitloser Kern: Drama und Erzähltechnik. Bekommt man diese hin, dann macht das Spiel auch Jahrzehnte später noch Spaß.

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