Wing Commander II: Vengeance of the Kilrathi
für PC (DOS)

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Mr Creosote:
Firma: Origin
Jahr: 1991
Genre: Action
Thema: Fliegen / Science Fiction / Krieg
Sprache: English
Lizenz: Kommerziell
Aufrufe: 558
Rezension von Mr Creosote (15.10.2022)
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Kaum ein Jahr war vergangen zwischen dem ersten Wing Commander und seinem Nachfolger. Trotz immerhin zwei Missionsdisketten zwischendurch. Origin war intensiv dabei, den Erfolg des Spiels zu vergolden. Vengeance of the Kilrathi ist also natürlich genau das, was die kurze Zeitspanne verspricht: eine optimierte Version des Originals. Oder man könnte behaupten: Das Spiel, das bereits das erste hätte sein sollen.

Bevor wir aber abtauchen in das neue Material sollten wir eine Sache aus dem Weg räumen. Es gibt tatsächlich eine entscheidende technische Verbesserung. Die doch etwas ruckelige Framerate des Originals ist verschwunden. Die Bewegung des Schiffs im Weltraum ist viel flüssiger. Na ja, zumindest heutzutage. Damals hatte natürlich kaum jemand eine leistungsfähige Maschine, die damit umgehen konnte, hatte. Heute, oder eben für die reichen Kids von damals, ist/war es eine große Verbesserung der Spielbarkeit.

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Missionsbriefing

Spielerisch wird die bereits bekannte Mischung aus Missionen rund um Aufklärung, Dogfights, Angriffe auf Großkampfschiffe und Eskorten geboten. Die Mitstreiter sind prinzipiell mit dem ersten Teil vergleichbar und ihre Verhaltensweisen unterscheiden sich in groben Zügen, was die Zusammenarbeit im Kampf interessanter gestaltet. Wählen, wen man auf die Missionen mitnehmen möchte, kann man aber immer noch nicht.

Ausgebaut hat Origin das Spiel beim Plot. Dies wird in nostalgischen Rückblicken auf die Gesamtserie gerne vergessen, aber erst Vengeance of the Kilrathi ist das Spiel, das wirklich die Erfolgsformel für den Rest der Hauptreihe definierte. Hier begann das, was alle mit der Reihe verbinden. Nein, nicht das Abballern von Raumschiffen, sondern die große Seifenoper im Weltraum.

Der Pre-Credit-Eröffnungsteaser ist gleich stark: Wir sind Zeuge der Zerstörung der Tiger Claw. Des Trägerschiffes, das den Spieler durch das gesamte erste Spiel begleitet hat. Zerstört von bislang unbekannten Tarnkappenschiffen, als wäre es nichts. Ein sofortiger emotionaler Schlag, der direkt ins Herz geht. Schnitt nach Kilrah zu einer Unterhaltung zwischen dem dortigen Kaiser und einem Prinzen, die man leider im Gegensatz zum vorher Gesehenen nur als unbeholfen bezeichnen kann. Es soll dem Spieler anscheinend kommuniziert werden, Wombat „Splunge“ Gumby, Protagonist des ersten Spiels, habe einen derart einschneidenden Eindruck bei der dortigen Herrscherkaste hinterlassen, dass sie ihn persönlich als einzig denkbare Bedrohung für ihren ansonsten sicheren Gesamtsieg sehen. Da wird die Rolle des Spielers wohl doch ein bisschen zu sehr aufgebauscht.

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Splunge ist zurück!

Auf jeden Fall wird Splunge aufgrund des Zwischenfalls um die Tiger Claw degradiert und auf eine abgelegene Raumstation versetzt. Wo er Langeweile schiebt, bis zehn Jahre später in diesem System plötzlich ein Trägerschiff der eigenen Flotte auftaucht. Stark beschädigt und verfolgt. Nach ein paar Eröffnungsflügen schließt sich Splunge den dortigen Kampffliegern an und trifft somit eine ganze Reihe Veteranen der Tiger Claw wieder.

Daraufhin entfaltet sich ein verwobenes Netz aus Seifenopernkonflikten und -themen bester Sendezeit zwischen den Personen an Bord. Einige trauen dem Protagonisten aufgrund der Ereignisse von vor zehn Jahren, für die er beschuldigt wurde, nicht über den Weg. Der Kilrathi-Überläufer Hobbes, in der ersten Erweiterung des ersten Teils eingeführt, ist ebenfalls nicht besonders beliebt. Ein Crewmitglied wird von den Feinden erpresst. Jemand sabotiert die Flugschreiber, um die Beweise der Existenz der Tarnkappenschiffe zu verschleiern. Ein bizarrer Mord geschieht. Der Protagonist beginnt eine Affäre mit einem weiblichen Besatzungsmitglied, was zu einigen Eifersüchteleien mit gewissen Rivalen führt. Moment, ist das nicht sogar seine Vorgesetzte? Für dieses ethische Dilemma ist in der Erzählung kein Platz. Tja, auf jeden Fall findet wie nebenbei auch noch ein Krieg statt.

Die erzählerische Qualität zeigt sich wechselhaft, aber nicht so schlimm, wie nach dem Anfang befürchtet. Die meisten Szenen funktionieren prinzipiell sobald man die Prämisse der schroffen, kurz angebundenen Militärarchetypen als gegeben hinnimmt. Extrovertierte Emotionen wie Neid, Misstrauen, Eifersucht oder Hass werden effektiv kommuniziert. Subtilere, feinfühligere Interaktionen wie beispielsweise Liebe geraten dagegen in ihrer plumpen Art leider unfreiwillig komisch.

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Sie will betonen, Belgierin zu sein

Nicht hilfreich in diesem Zusammenhang ist natürlich, dass die Erzählung praktisch ausschließlich mittels steif im Raum herumstehenden Menschen in Uniform, vollständig gestik- und weitgehend mimikbefreit, während sie unbeholfene Dialoge führen, getragen wird. Es ist alles vollkommen statisch, keinerlei Abwechslung kommt ins Szenenbild. Visuelle Erzählung findet nicht statt. Die zentral wichtigen Höhepunkte treffen trotzdem, wenn beispielsweise das tragische Schicksal einer Freundin besiegelt wird, der Verräter endlich (einfallslos, aber höchst befriedigend) enttarnt wird usw.

Die explizit ausgearbeitete Erzählung hat natürlich ihren hohen Preis. Die Flexibilität der Vorgängerkampagne ist weitgehend verschwunden. Es bleibt ein Plotstrang auf dem Weg zum perfekten Triumph sowie einer in Richtung „knapper Sieg“. Wingmen können im Kampf nicht sterben; schlimmstenfalls betätigen sie ihre Schleudersitze und werden wieder auf den Träger gerettet. Es sei denn, der Plot bedingt ihren Tod an klimaktischen Stellen, an denen dann wiederum der Spieler sie nicht einmal retten kann.

In diesem Sinne fehlt also nicht nur den Zwischensequenzen Interaktivität, sondern auch manche Missionen nehmen plötzlich vorbestimmte Wendungen, in denen dem Spieler die Hand vom Steuerknüppel genommen wird, um das geschehen zu lassen, was Produzent Chris Roberts gerne wollte. Einzelne Missionen sind reine Potemkin'sche Dörfer. Sie können nicht verloren werden, sondern dienen nur dazu, einen Plotpunkt zu zeigen.

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Ach ja, es gibt auch Raumkämpfe

Dramaturgisch mag das notwendig sein, aber letztlich ist dies trotzdem noch ein Spiel. Vengeance of the Kilrathi kratzt haarscharf daran vorbei, seinen Spieler einmal zu oft machtlos mit offenem Mund vor dem Bildschirm sitzen zu lassen, bekommt aber immer noch gerade die Kurve.

Heutzutage dauert selbst die Installation nicht mehr über eine Stunde. Man bekommt das „Speech Pack“, mit dem Origin die Kunden noch mehr zu melken versuchte, das dann aber doch nur einen kleinen Teil der Dialoge vertont, gleich mit dem Hauptspiel dazu. Die Missionsstruktur kann mit dem kurz darauf veröffentlichten X-Wing oder Tie Fighter nicht mithalten, aber das Spiel ist trotzdem unterhaltsam. Ob es einen heute noch ausreichend begeistert, sich durch die beiden zusätzlichen Missionspakete zu kämpfen, sei mal dahingestellt. Aus historischem Interesse sollte man es auf jeden Fall spielen. Schließlich ist dies das eigentliche erste Wing Commander.

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